• Miriam Witteborg

IV. EMSCHERGESCHICHTE(N) – Oder: Von Eiszeit, Steinzeit und Mittelalter

Alles hat natürlich auch eine Vergangenheit. Alles ist im Fluss. Immer. So hat auch die Emscher eine Geschichte. Und die ist um so vieles älter, als wir sie uns im ersten Moment vielleicht vorstellen können. Sie war ja nicht per se ein etwa 83 km langes und von Kunstwerken gesäumtes Denkmal des regionalen Strukturwandes mit Fahrradweg und renaturiertem Freizeitpotenzial - sie hatte auch nicht immer einen beton-verschalten, unnatürlich-gradlinigen Verlauf von Holzwickede über Dortmund, Castrop-Rauxel, Recklinghausen, Herten, Herne, Gelsenkirchen, Essen, Bottrop, Oberhausen und Duisburg bis nach Dinslaken - und erst recht war sie ursprünglich keine stinkende oder gar seuchenverbreitende Abwasser-Kloake. Im Gegenteil...


..wollen wir nun also gemeinsam in die Vergangenheit blicken und mit Schlaglichtern den Ur-Ahn der heutigen Emscher und die Region, die sie maßgeblich prägte, näher beleuchten - Denn: Unserer Bach ist alt - und zwar sehr alt. Das heißt: Die Ur-Emscher floss bereits während des Mittelpleistozäns. Und: Damals war es kalt – sogar sehr kalt. Denn wir sprechen über die vorletzte Eiszeit; den geneigten Lesern möglicherweise auch als ‚Saale-Komplex‘ oder ‚Saale-Eiszeit‘ bekannt.

Zur besseren zeitlichen Einordnung: Unsere Breiten und Weiten, sprich Westfalen, erreichte die Saale-Eiszeit (und mit ihr auch das Eis) vor etwa 700.000 bis 500.000 Jahren. Vom Ruhrtal in Essen bis hinein ins Sauerland hatte sich ein riesiger Eisstausee ausgebreitet, der alles unter sich begrub und über viele tausend Jahre Bestand hatte.


Von diesem flächendeckenden Eis war die Region, welche heutzutage Stadt Dortmund beheimatet, mit ziemlicher Sicherheit ausgenommen. Die Ur-Emscher verlief, wie es ein ungestört fließendes Gewässer es eben so tut, auf bis zu 8 km Breite in Bögen und Schleifen und befand sich im Zustand stetiger Veränderung - je nachdem, ob gerade einmal mehr oder weniger Wasser floss, ob eine Unebenheit (ein Stein, eine Pflanze oder auch nur eine kleine Erhöhung reichten völlig aus) den Strömungsverlauf beeinflusste oder ob die gefällebedingte Fließgeschwindigkeit (je geringer diese ist, desto mehr neigt ein Flusslauf dazu, zu mäandern) die Landschaft formte.

Wie konnte also gerade Dortmund vom flächendeckenden meterhohen Eis verschont bleiben, wenn die Region umher ansonsten naherzu vollständig davon bedeckt war? Dank des Ardeygebirges im Süden der heutigen Stadtgrenze, welches die kalten Massen aufhielt. Der höchste Punkt dieses überschaubaren "Gebirges'" ist der Klusenberg an der Syburg. Er misst zwar lediglich 254,33 Meter über dem Normalhöhennull (der Angabe der Höhe über dem Meeresspiegel) und ist daher auch nur bedingt mit dem höchsten Gipfel Deutschlands (der Zugspitze mit ihren 2.962 Metern) oder gar dem höchsten Punkt unseres Planeten (dem Vulkan Chimborazo in Ecuador mit seinen 8848 Metern) zu vergleichen - er war in diesem Kontext jedoch gerade genügend hoch, um die lokale Ur-Emscher vor der Vereisung zu bewahren.


Wagen wir einen ersten zeitlichen Sprung nach vorn: Die Landschaft des heutigen Emschertals vor etwa 120.000 bis 70.000 Jahren war durch ein kaltzeitliches Frostschutt- und Lößtundren-Klima geprägt. Vorstellen kann man sich darunter eine karge Steppen-Landschaft mit Permafrostboden, auf welchem nur wenige und wenn, dann klein gewachsene Nadelbäume sprossen sowie weiten Ebenen mit niedrigen Sträuchern, Gräsern und Flechten. Und in diesen Steppen sowie an den Schotterfluren der Ur-Emscher mit ihrem weit verzweigtem Flusslauf fühlten sich die heutzutage größtenteils ausgestorbenen vegetarischen Schwergewichte ebenso pudelwohl wie die fleischverzehrenden Raubtiere des Eis- und Kaltzeitalters.

Woher wir das wissen? Unter anderem durch gut erhaltene versteinerte Knochenfunde, die bei Bauarbeiten an der Emscher sowie an den regionalen Kanälen entdeckt wurden. Bei zahlreichen Baustellen im gesamten Emschertal staunten die die Malocher der Emschergenossenschaft (zumindest Anfangs, denn die Funde waren zahlreich) nicht wenig, wenn ihnen während der Arbeiten mit dem Bagger in 6 bis 11 Metern Tiefe (in der konservierenden Kiesschicht) diverse Überreste der Eiszeit (beispielsweise Knochen in der Größe eines Kleinkindes sowie Zähne, so lang wie der Arm eines erwachsenen Menschen) unter die tatkräftigen Fittiche kamen. Die größten von ihnen stammen von Wollhaarmammuts, die eine Schulterhöhe von über 3 Metern und ein Gewicht von bis zu 8 Tonnen erreichten. Bemerkenswert ist an dieser Stelle auch, dass einige der Knochenfunde wiederum verdächtige Nagespuren aufwiesen - im Rahmen der anschließenden paläontologischen Untersuchungen konnten diese ziemlich eindeutig den Gebissen von Höhlenhyänen zugeordnet werden, was belegt, dass auch diese Spezies sich hier in der Vergangenheit heimisch fühlte. Und damit noch nicht genug: Weitere Funde (Knochenreste und Fragmente) belegen, dass sowohl steinzeitliche Höhlenlöwen, Höhlenbären und Wollnashörner (bis zu 3,5 Meter lang und 2,9 Tonnen schwer), als auch Wisente, Wölfe, Rentiere, Wildpferde und Riesenhirsche (mit Geweihen von gut 3,6 Meter Spannweite) die regionalen Steppen bewohnten, die wir heute Ruhrgebiet nennen.

Zeitgleich mit ihnen lebten in der Emscher- und Ruhr-Region zudem bereits vereinzelte nomadisch umherziehende Vertreter des Homo Sapiens sowie auch des vermutlich sesshaft lebenden Neandertalers - dies lässt sich ebenfalls durch die bei Ausgrabungen geborgenen Artefakte (Faustkeile aus Feuerstein beispielsweise) belegen.

Wer sich dafür eingehender interessiert: Die faszinierenden Funde (zumindest etwa 1% davon - denn der größte Teil wird in den Knochenkellern diverser Museen und Institutionen archiviert) sind unter anderem im Museum für Ur- und Ortsgeschichte in Bottrop oder auch im LWL-Museum für Archäologie in Herne zu bewundern.


Wagen wir einen Sprung in die Nacheiszeit: Vor etwa 10.000 Jahren veränderte sich das Klima des Emschertals langsam aber stetig – die Region erwärmte sich und die zuvor genannten charakteristischen Tiere der Eiszeit wanderten ab oder starben aus - zeitgleich mit ihnen übrigens auch der Neandertaler aus uns unbekannten Gründen. Aufgrund der stetig steigenden Temperaturen veränderte sich auch die Flora und Fauna - die Ur-Emscher floss nun durch Auen und Haine mit Laubbäumen (beispielsweise Buchen und Eichen) und schuf durch Schmelzwasser-bedingte Überschwemmungen ein sich stetig veränderndes Flussbett mit weiten Sumpfgebieten und feuchten Bruchwäldern.


Werfen wir einen Blick ins Neolithikum: Der prähistorische Homo Sapiens begann mit der regionalen Sesshaftwerdung und entwickelte sich vom nomadischen Jäger und Sammler hin zum Bauern, der den fruchtbaren Lößboden der Gegend beackerte. Erste vereinzelte Siedlungen entstanden im Emschertal bereits vor etwa 4500 Jahren. Archäologische Funde belegen, dass die Emscher eine ideale Landschaft für eine frühe Sesshaftwerdung geschaffen haben musste.

Blicken wir auf Dortmund während der vor- und frühgeschichtlichen Bronzezeit um 1000 vor Christus: Siedlungsspuren im Bereich des heutigen Innenstadtkerns sowie auch in Oespel, Marten, Wickede und Asseln belegen, dass meine Heimatstadt schon damals eine (vergleichsweise) dicht besiedelte Region gewesen seien musste und somit als Altsiedelland bezeichnet werden kann. 


Springen wir nun in die Spätantike bzw. in das frühe Mittelalter: Etwa um 500 nach Christus folgten zahlreiche abenteuerlustige Händler und Siedler dem westfälischen Hellweg; einer mittelalterlichen Handelsstraße von bis zu 3 Metern Breite, die es als schmalen Pfad bereits in der Steinzeit gegeben haben soll. Der Hellweg war Teil eines noch weitaus größeren transkontinentalen Straßennetztes (von der Ruhrmündung bei Duisburg bis zur Weser bei Höxter) und verband strategisch die diversen Siedlungen und Dörfer der Region miteinander, was zur Siedlungsverdichtung im Dortmunder Raum immens beitrug.

Von der Bedeutung des Hellwegs als Handelsstraße (passenderweise heute immer noch Namensgeber der belebten Einkaufsstraße quer durch die Dortmunder Innenstadt) mit seiner verkehrsgeographisch zentralen Lage zeugt auch der berühmte 'Dortmunder Goldschatz' aus dem 4. - 5. Jahrhundert nach Christus. Die 444 gut erhaltenen spätrömischen Goldmünzen sowie der dreireihige goldene Halsreifen wurden 1907 bei Ausgrabungen auf dem Gelände der Union-Brauerei entdeckt. Dieser Schatz ist (wenn er denn nicht gerade auf Reisen geht, um andere mittelalterliche Ausstellungen zu bereichern) im Dortmunder Museum für Kunst- und Kulturgeschichte zu bewundern.


Im 8. Jahrhundert kam dann weiterer Schwung in das damals noch territorial gespaltene Emschergebiet - Dank Karl des Großen (dem ersten Kaiser Europas) welcher den Hellweg zu einer militärischen und teilweise bereits gepflasterten Einfallstrasse ausbaute, um diverse Kriegszüge und Eroberungen voranzutreiben. Mit Karls Sieg über die in Dortmund herrschenden Sachsen im Jahr 775 und der Inbesitznahme der Sigiburg (heute noch als Ruine zu besichtigen) an der bereits erwähnten Syburg am Rande Dortmunds, wurde Karl der Große  auch zum Herrscher über die gesamten Emscherregion.

Überreste des Hellweg als Fern- und Handelsstrasse / Urheber: Fab

Nach seinem Sieg über die Sachsen ließ Karl der Große am Hellweg diverse Burgen und Reichshöfe anlegen, wodurch dieser zur ‚via regia‘ (oder auch zur 'Königstraße' - HIER im Blog bereits erwähnt) wurde und so seinem damals durchaus üblichen mobilen ‚Reisekönigstum‘ diente. Dortmund gewann als verkehrsgünstiger Knotenpunkt am Hellweg und zudem als Zentrum der regionalen Reichsgutverwaltung immer weiter an Bedeutung und zog zahlreiche Händler, Siedler und schließlich auch Missionare an - denn:

Spätestens mit der Taufe des (ursprünglich heidnischen) Widukind im Jahr 785 (bekannt als Gegenspieler Karls des Großen während der 'Sachsenkriege') öffneten sich zunehmend die Tore für die Christianisierung des Emscherraums.


Unter den vielen beseelten Missionaren sollen es vor mittlerweile über 1250 Jahren auch zwei christliche Brüder entlang der Emscher bis in nach Dortmund-Aplerbeck, das Dorf meiner Jugend, geschafft haben. Aplerbeck (mit seiner trockenen und windgeschützten Hanglage am Fuße des bereits erwähnten Ardeygebirges, seinen guten Bodenverhältnissen und seinem Angebot an Wasser durch die Emscher) bot damals vorzügliche Voraussetzungen für eine Ansiedlung und die Einwohnerzahl des Ortes belief sich vermutlich bereits auf gut 600 Personen - und zwar heidnischen Glaubens. Der örtlichen Sage nach waren die Aplerbecker daher auch nicht besonders scharf darauf, einen neuen Glauben anzunehmen. Kurz gesagt: Die beiden (längst heilig gesprochenen) Missionare ließen für ihren Glauben ihr Leben in Aplerbeck und ihre Gebeine (so heißt es in der lokalen Überlieferung) geradewegs in der Emscher. Das ist jedoch eine längere Geschichte, die es verdient, an anderer Stelle (in der Rubrik Achtung Lebensgefahr..) ausführlich erzählt zu werden.


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Verwendete Quellen: Literatur, Websites & Co:


Goerke, Monika: Haus Rodenberg in Dortmund-Aplerbeck. Seminararbeit, 2000.


https://www.bottrop.de/mq/kunstvermittlung/113010100000083740.php (abgerufen am 02.01.2020)


http://www.historischer-verein-dortmund.de/geschichte-dortmunds/1000-v-800-n-chr (abgerufen am 03.01.2020)


https://www.kortumgesellschaft.de/id-5-heimatbuch-1951-die-ausgrabungen-in-bochum-hiltrop.html (abgerufen am 18.12.2019)


https://www.lwl.org/LWL/Kultur/Westfalen_Regional/Naturraum/Eiszeitalter (abgerufen am 14.12.2019)


https://www.lwl.org/pressemitteilungen/mitteilung.php?28756 (abgerufen am 29.12.2019)


https://www.lwl.org/pressemitteilungen/nr_mitteilung.php?urlID=15849 (abgerufen am 03.01.2020)


https://www.lwl.org/LWL/Kultur/Westfalen_Regional/Naturraum/Emscher_I (abgerufen am 02.01.2020)


https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/txt/wz-6165.pdf (abgerufen am 29.12.2019)


https://westfalen.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=2468&cachesLoaded=true (abgerufen am 06.01.2020)


http://www.zeitreise-ruhr.de/chronik/070-fruehmittelalter.html (abgerufen am 04.01.2020)