• Miriam Witteborg

II. ODE AN APLERBECK - Oder: Wie alles begann..



"o Abbelbiak, din volk es dumm,

o Söl, o Söl, din hafdendüm;

Lembeärg, Lück un Hachenaf,

de duwel häl ink alle draf!"


(Spruch aus dem Volksmund)






Neben einer offenen Kloake aufgewachsen zu sein, schien mir nicht allzu besonders zu sein. Wer aus Aplerbeck kam, hatte mit ganz anderen Sprüchen zu kämpfen - wurde einem doch, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen, ein (mehr oder manchmal auch weniger) fröhliches "Aplerbeck die Tore auf, die Miri kommt im Dauerlauf.." zur Begrüßung entgegen gerufen – denn: Der Stadtteil stand weit über die Stadtgrenzen hinaus als Synonym für die dort verortete Heilanstalt.

Ich konnte das (meistens) mit der Art von Humor nehmen, welche dem Dortmunder Kinde mit der Muttermilch eingeflößt wird; bin ich doch mit einem überdurchschnittlich lustigen Vater groß geworden, welcher uns Kindern (voller Liebe, Vaterwitz und mit einem spöttischen Lächeln den Kopf tätschelnd) zu sagen pflegte: "Kannst ruhig doof sein, Kleene, musst dir nur zu helfen wissen.."

Dennoch möchte ich hier an dieser Stelle einmal ganz im Ernst erwähnen, dass in unseren heutigen aufgeklärten Zeiten weder körperliche noch seelische oder auch geistige Erkrankungen und Einschränkungen ein Grund für Spott und Häme seien sollten - nicht für die Betroffenen und auch nicht für die Aplerbecker. Denn noch heute beheimatet besagter Stadtteil nicht nur die Emscher, sondern auch die LWL-Klinik Dortmund für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Und sollte dann doch mal ein Witz gemacht werden, dann verbucht man es am besten unter "Shit happens..". Das passt dann nämlich auch wieder zur Emscher.


Zurück zum ursprünglichen Thema: Die semantische Bedeutung von Aplerbeck in märkischer Mundart ist eine sehr schöne, wenn man sich einmal näher damit beschäftigt. Auch beschreibt sie durchaus meine romantische Vorstellung derselben aus Kindertagen - wie sie einmal ausgesehen haben könnte (damals) bevor sie in Zeiten des industriellen Kohleabbaus zur "Cloaka Maxima" des Ruhrgebiets wurde.. 

Aplerbeck (oder wie im westfälisch-märkischen Platt: "Abbelbiek") wurde im Jahr 899 als "Afaldrabechi" erstmals urkundlich erwähnt und ist durchaus berechtigt mit "Apfelbach" zu übersetzen. Ein "Afal" bezeichnete vor gut 1120 Jahren einen Apfel oder auch eine bestimmte Sorte von mit Beeren gespickten Sträuchern und "Bechi" (oder wie in Märkischer Mundart: "BiJke") einen kleinen oder auch alten Bach.


Diese verifizierende Recherche zur Namensherkunft des Stadtteils hat mich im Nachgang sehr erleichtert - bewies sie mir doch zum einen, dass meine Grundschul-Lehrerin (ihres Zeichens eine recht stürmische Frau) uns Kindern die Wahrheit erzählt hatte (wie sich das für ihren Berufsstand ja auch gehört) und zum anderen, dass mir mein Gedächtnis über die Jahre hinweg keine allzu großen Streiche gespielt hat. Zumindest wenn man einmal davon absieht, dass ich zwei Dekaden lang beim Geschichten-erzählen-aus-der-guten-alten-Vergangenheit das „r“ in Afaldrabechi an einer falschen Stelle platziert habe. Aber seien wir realistisch: Das dürfte höchstens dem ein oder anderem (in meinem arbeiterfamiliären Umfeld eigentlich gar nicht vorhandenen) Historiker aufgefallen sein.. 

Und auch aus einem noch weiteren Grund ist es ziemlich gut, dass Afaldrabechi so viel wie Apfelbach bedeutet – denn die hier von mir verwendete Domain www.geschichten-vom-apfelbach.de hatte ich mir bereits VOR den nun gerade erst begonnenen intensiven Recherchen gesichert. Und in einem Projekt wie diesem, sollte doch auch gerade dieses titelgebende Detail seine Richtigkeit haben, nicht wahr..


Zurück zum Thema: Quelle meines verifizierten Wissens ist unter anderem das 1967 veröffentlichte „Dortmunder Wörterbuch“ von Wilhelm Schleef (HIER vom LWL als kostenloser Download bereit gestellt), welcher fünf Dekaden lang an diesem Lebenswerk und Herzensprojekt arbeitete. Schleef war Spross einer Dortmund-Sölder Beamtenfamilie, arbeitete von 1912 bis 1923 als Lehrer und Rektor in Hamm und anschließend von 1945 bis 1954 als Schulrat in Dortmund. Nebenbei war er Mitglied der Freimaurergilde und hatte den Vorsitz des Historischen Vereins für Dortmund und die Grafschaft Mark inne.

Hier fügen sich also (wie so oft im Leben) die Dinge zu einem großen Ganzen. Denn: Eben dieser Verein steht auf meiner langen Liste der Gesprächspartner, welche ich im Rahmen meiner Recherche-Arbeiten für dieses Projekt aufsuchen möchte.

Interessant ist in diesem Zusammenhang dann auch noch, dass Wilhelm Schleef nur ein Jahr nach der Veröffentlichung seines genannten Lebenswerkes verstarb und auf dem 1896 angelegten Aplerbecker Friedhof beerdigt wurde. Dieser wiederum beherbergt (zufälligerweise) seit 2012 auch den Aplerbecker Geschichtsverein in seiner wunderschönen renovierten Friedhofskapelle, welchen ich wiederum erst kürzlich im Rahmen meiner Recherchen besucht habe.

Aplerbecker Friedhof - Friedhofskapelle

Genannter Standort hört sich im ersten Moment vielleicht ungewöhnlich an; ich kann jedoch versichern, dass es dort jeden Dienstag zwischen 17:00 und 19:00 Uhr ziemlich lebendig zugeht - wenn man sich denn in der Winterdämmerung traut, über einen Friedhof zu schlendern. Das ist jedoch eine längere Geschichte, die es verdient, an anderer Stelle (in der Rubrik Zu Gast..) ausführlich erzählt zu werden.


Zurück zum Thema: Am Apfelbach (oder Abbelbiek oder Afaldrabechi oder auch Aplerbeck) hat also alles begonnen - zumindest für mich. Mit sechs Jahren wurde ich von meinen Eltern dorthin exportiert und ich blieb bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr - in unserem orangefarbenen Wohnhaus in der Ruinenstraße, welches wir uns mit diversen weiteren mietenden Familien teilten.

In diesem Sinne noch ein kleiner Exkurs: Namensgeber der Ruinenstraße ist die seit über 850 Jahren um die Ecke stehende, 1963 renovierte, mittelalterlich anmutende Aplerbecker St.-Georgs-Kirche mit ihrer romanischen Kreuz-Basilika, in welcher ich übrigens auch getauft und konfirmiert wurde.

Vorher (so erzählte man es sich wehmütig seufzend in der Nachbarschaft) habe die Ruinenstraße allerdings auch einmal  Königstraße geheißen. Und zwar, weil im Mittelalter Karl der Große mit seinen Mannen einherkam, um die im Emschertal vorherrschenden Sachsen zu vertreiben und den regional ansässigen Heiden das Christentum nahe zu bringen. (Wer sich dafür eingehender interessiert, kann HIER im Blog noch ein wenig mehr dazu erfahren.) 

Mal so unter uns: Das war keine besonders glückliche Namensänderung; vor allen dann nicht, wenn man bedenkt, welche Witze einem in der Jugend allein deshalb um die Ohren gehauen werden können. Als hätten die bereits erwähnten Vorurteile gegenüber Aplerbecker:innen an sich nicht bereits völlig ausgereicht, wohnte ich also anstatt in der Königstraße auch noch in der Ruinenstraße..

Was soll ich sagen: Kinder können ziemlich gemein sein.

Was dann aber beim Überleben hilft: Die zeitliche Distanz.

Und: Es war ja nicht alles schlecht. 

      

So machten mich beispielsweise die rosa glühenden Sonnenuntergänge in Dortmund West-4600 (so stand das in meiner Jugend noch auf den Briefumschlägen, die unseren familieneigenen Briefkasten erreichten - damals,  bevor die fünfstelligen Postleitzahlen eingeführt wurden) ganz schlicht und einfach glücklich.

Dass diese durch den Abstich der Hochöfen der Firma Hoesch in Dortmund Hörde entstanden als Sinnbild der Stahlindustrie, habe ich erst später damit zu verknüpfen gelernt. Die Romantik dieser Abende habe ich dagegen schon oft versucht, Außenstehenden näherzubringen, welche die verborgene Schönheit Dortmunds nicht verstehen..

Und auch meine Erinnerungen an die umme Ecke fließende Emscher (die Kloake der Stadt) rufen bei Auswärtigen oft Erstaunen (und manchmal sogar offen zur Schau gestelltes Gruseln) hervor. Unvergessen ist in diesem Zusammenhang auch noch die ureigene Erinnerung daran, wie mein schwer beladener Schulrucksack (liebevoll auch „Tonne“ genannt) in ebendiesen Abwasserkanal fiel und mir für ein lang anmutendes Schuljahr miefig-müffelnde Bücher bescherte. Aber auch das ist eine andere Geschichte, die ein anderes mal ausführlich erzählt werden soll - dann unter der Rubrik "Achtung Lebensgefahr.."

       

Zurück zum Thema und frei nach Frank Goosen (übrigens ein studierter Historiker) gesagt: "Eine Residenzstadt mit Fürstenhäusern schick finden – das kann ja jeder. Aber anner Emscher dran stehn und sagen 'Boar wat is dat schön' – dafür musse von hier sein." Und genau davon will ich euch erzählen - von der Emscher und ihrer ganz eigenen Schönheit. Von zwischenmenschlichen sowie historisch dokumentierten Geschichten. Vom fischreichen Fluss, gesäumt von Apfelbäumen. Von dessen Entwicklung zur so genannten "Köttelbecke". Und auch von der Renaturierung des Gewässers. Denn: Die Emscher erzählt auf ihre ganz eigene Art und Weise von der Einzigartigkeit und Wandelbarkeit dieser Stadt und ihrer Menschen.


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Verwendete Quellen: Literatur, Websites & Co:


Goosen, Frank: Radio Heimat: Geschichten von zuhause. Frankfurt am Main. Eichborn Verlag: 2009/2010


Schleef, Wilhelm: Dortmunder Wörterbuch. Erschienen in: William Foeste [Hrsg.] Niederdeutsche Studien. Band 15. Köln/Graz. Böhlau Verlag: 1967


Schleidgen, Wolf-Rüdiger [Bearb.]. Lacomblet, Theodor Josef [Hrsg.]. Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins oder des Erzstifts Köln, der Fürstentümer Jülich und Berg, Geldern, Moers, Kleve und Mark, und der Reichsstifte Elten, Essen und Werden (Vol. 1-4). Essen: 1840 - 1858


https://www.lexikon-westfaelischer-autorinnen-und-autoren.de/autoren/schleef-wilhelm/ (abgerufen am 29.11.2019)


https://www.lwl.org/komuna/pdf/Bd_15.pdf (abgerufen am 03.12.2019)



https://www.niederdeutsche-literatur.de/autoren/person-werke.php?ID=1245&START=1&ORD=JAHR (abgerufen am 29.11.2019)