• Miriam Witteborg

V. ON THE ROAD - Oder: Gedanken zum Phoenix-See..

Heute war ich in Dortmund Hörde. Weil mein Vater mir am Wochenende ein Foto über den Messenger WhatsApp gesendet hat.

Zeitungsartikel aus den Ruhrnachrichten

Denn mein Vater liest ganz traditionell jeden Morgen die Zeitung und wenn ihm etwas Interessantes in die Hände fällt, werden seine "Blagen" (also meine ältere Schwester und ich) darüber in Kenntnis gesetzt. Früher schnitt er uns die Artikel aus; heute bekommen wir die Informationen per App. Sehr  modern für einen Herren mit 44er Baujahr, wie ich finde..


Diesmal handelte es sich um einen Veranstaltungshinweis, welcher mit der Emscher zu tun hat - denn: Die Emschergenossenschaft, welche am 14. Dezember 1899 offiziell gegründet wurde, ist 120 Jahre alt geworden. Und laut Zeitungsbericht feiert sie dieses Jubiläum (unter anderem) mit einer Wander-Ausstellung, welche in unmittelbarer Nähe zum Dortmund Hörder Phoenixsee täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr kostenlos zu besichtigen sei.

Um die Pointe vorwegzunehmen: Als ich heute am Ausstellungsort (der Sparkassen-Akademie am Burgplatz 1) ankam, fand ich dort ein leeres Foyer und eine so freundliche wie ratlose Dame am Empfang vor, welche mir versicherte, dass die besagte Wanderausstellung bereits wieder abgewandert sei, nachdem ich ihr versichert hatte, der Zeitungsartikel und auch die Homepage der Genossenschaft würden versichern, dass die Ausstellung noch bis zum 4. Februar 2020 an eben diesem Ort zu finden wäre.

Was soll ich sagen: Ein bisschen fühlte ich mich, wie wenn man zu einer Geburtstagsparty eingeladen wurde, die abgesagt wird, ohne dass einen diese Information noch rechtzeitig erreicht. Aber hilft ja nix. Und ich bin auch nicht (allzu) nachtragend - daher wünsche ich der lieben Emschergenossenschaft trotzdem  alles Gute zum Geburtstag und eine fette Fete - lernen wir uns halt wann anders näher kennen.. 


Die hauseigene Toilette der Sparkassen-Akademie (welche, genau betrachtet, nur einen Katzensprung von der renaturierten Emscher entfernt ist) durfte ich dann trotzdem noch benutzen..

Foto der renaturierten Emscher in Hörde - direkt zwischen Phoenix See und der Sparkassen-Akademie

Dass sich die Zeiten ge- und unsere Stadt verändert haben (kam mir passenderweise eben dort in den Sinn) zeigt sich unter anderem daran, dass menschliche Hinterlassenschaften heutzutage nicht mehr in der Emscher entsorgt werden; wie es ja noch vor ein paar Jahrzehnten der Fall war. Denn: Die Emscher ist keine Kloake mehr, sondern fließt stattdessen mittlerweile weitestgehend abwasserfrei durch Dortmund, Castrop-Rauxel, Recklinghausen und Herten über Herne, Gelsenkirchen, Essen, Bottrop, Oberhausen und Duisburg bis sie bei Dinslaken in den Rhein mündet.

Wie die Emscher, die ja ursprünglich ein natürlich mäanderndes Bächlein war (HIER habe ich die Vergangenheit der Emscher schon einmal eingehender beschrieben) überhaupt zum Abwasserkanal wurde?

In aller Kürze: Der Grund findet sich in der industriellen Vergangenheit des Ruhrgebiets und in den explosionsartig in die Höhe schnellenden Einwohnerzahlen des 19. Jahrhunderts. Durch den Bergbau, die wachsende Instustrie und die Menschen entstand ein regionales Abwasserentsorgungsproblem - Überschwemmungen fluteten regelmäßig ganze Wohngebiete, Seuchen (wie Cholera, Typhus und Malaria) brachen vermehrt innerhalb der Bevölkerung aus und es musste schnellstens eine Lösung her. Da die gesamte Region jedoch durch den Bergbau wie ein Schweizer Käse durchlöchert war, kam es nicht in Frage, eine unterirdische Kanalisation zu bauen. Die aufgrund genau dieser Problematik vor 120 Jahren gegründete Emschergenossenschaft sah die Lösung der Probleme in der Opferung des natürlichen Flusslaufs der Emscher. Sie wurde ab dem Jahr 1899 nach und nach mittels einer Betonverschalung in ein gerades Flussbett gezwängt und transportierte fortan oberirdisch die Abwässer der Region (eine Brühe aus Chemikalien der umliegenden Industrie, Haushaltsabwässern und menschlichen Ausscheidungen) davon.

Das ist jedoch eine längere Geschichte, die es verdient, an anderer Stelle (in der Rubrik Emschergeschichte(n)..) ausführlich erzählt zu werden. Ebenso wie die Geschichte der Neugestaltung, welche der Emscher aktuell widerfährt: Der Renaturierung. Und genau das wäre ja auch Thema der Wanderausstellung gewesen - das so genannte "Generationenprojekt Emscherumbau", welches vor etwa drei Jahrzehnten beschlossen wurde und in welches bis zum jetzigen Zeitpunkt etwa 5 Milliarden Euro investiert wurden.


Etwas weniger Geld wurde wiederum in den Dortmunder Phoenix-See bzw. das gesamte umliegende Areal gesteckt - etwa 230 Millionen Euro. Und wo ich dann schonmal vor Ort war (und Zeit hatte) habe ich mich ein wenig umgesehen. Und erinnert:

Ich wurde ja mit sechs Jahren von meinen Eltern nach Aplerbeck exportiert. Und eine der Begründungen, uns Kindern den Umzug damals schmackhaft zu machen, war die große Baustelle in Hörde (im an Aplerbeck angrenzenden Stadtteil) beziehungsweise die Ankündigung auf den Schildern des meterhohen Bauzauns (welcher die Überreste der ehemaligen Stahlproduktionsstätte der ThyssenKrupp AG, vormals Hoesch, verbarg - an dessen glühendheißer Thomas-Birne sich mein Vater als junger Mann eisen-verarbeitend seine Brötchen verdiente), welche die Bürger:innen darüber informierten, dass an dieser Stelle ein See entstehen würde. Das muss etwa im Jahr 1988 gewesen sein.


Ein See in direkter Nachbarschaft ist natürlich der Traum eines jeden Kindes; vor allem, da ich mir in unschuldiger Naivität einen naturnahen Badesee vorstellte, an welchem ich mit Freunden und Familie (Brötchen-mampfend, Saft-trinkend, Federball-spielend, Wasser-plantschend, Unsinn-treibend und auf-der-Luftmatratze-träumend) die heißen Sommertage verbringen könnte.

Dass die Eröffnung des Phoenix-Sees dann so lange (ganze 22 Jahre) auf sich warten lassen und schlussendlich so gar nicht meinen kindlichen Vorstellungen entsprechen würde, ahnten wir damals natürlich nicht. Warum der See bei mir so bescheiden abschneidet und den Spitznamen "See der Verbote" bekommen hat?

Das liegt zunächst einmal an der Hausordnung bzw. See-Satzung, welche die Stadt Dortmund erlassen hat: Am Phoenix-See ist nämlich sowohl grillen, zelten, baden, tauchen, "Wurfgeräte"-benutzen und Fahrrad-fahren als auch das Füttern-von-Tieren, Modellboot-und-Modellauto-fahren, Schlittschuh-laufen, Hunde-frei-laufen-lassen, angeln, skaten, reiten und surfen sowie 22 weitere Ordnungswidrigkeiten (wie zum Beispiel das wirklich nicht zu tolerierende spielen-außerhalb-der-gekennzeichneten-Flächen) strengstens untersagt. Kurz gesagt: Ätzend!

Phoenix-See in Dortmund Hörde

und als ich dann heute so spontan am Phoenix-See stand, stellte mir noch zusätzlich folgende Fragen:

Brauchen wir in Dortmund WIRKLICH einen Yachthafen? War es SINNVOLL, den See mit kongruenten Villen (bei deren Anblick einem sofort das Lied "Little Boxes" von Malvina Reynolds in den Sinn kommt), in denen dann nur die wohlbetuchten Bürger dieser Stadt leben können, zuzubauen? Und wäre es nicht EINFACH NUR SCHÖN gewesen, wenn Dortmund einen schlichten Badesee für ganz normale Menschen bekommen hätte - ohne einen Schilderwald der Verbote und ausgewiesene Sperrzonen für alles, was menschlich ist und das Leben lebenswert macht?

Meine Antwort ist eindeutig. Aber es sollte sich wohl jeder seine eigene Meinung bilden..


Ich möchte in diesem Zusammenhang aber gerne die folgende (mich so surreal, ernsthaft wie tragisch an Loriot erinnende) Dokumentation zum Thema empfehlen: "GÖTTLICHE LAGE. Eine Stadt erfindet sich neu" von Ulrike Franke und Michael Loeken aus dem Jahr 2014. Hier folgt der Trailer:

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Verwendete Quellen: Literatur, Websites & Co:


https://www.dortmund.de/media/p/phoenix_see/download_phoenixsee/Satzung_PHOENIX_See.pdf (abgerufen am 10.02.2020)


https://www.goettliche-lage.de/ (abgerufen am 20.01.2020)


https://www.youtube.com/watch?v=QzEVEOkg2Cg (abgerufen am 20.01.2020)

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