• Miriam Witteborg

VI. ACHTUNG LEBENSGEFAHR - Oder: Der schwarze Ewald, der weiße Ewald und die Emscher..

Als Aplerbecker Kind kommt man ja weder an der Emscher, noch an den beiden heiligen Ewalden vorbei - wie das mit örtlichen Kloaken, Sagen und Mythen eben so ist.

Da die Geschichte(n) der beiden christlichen Märtyrer und der Emscher eng miteinander verknüpft sind, ist es auch für mich hier erzählenswert. In diesem Zuge kramte ich erst einmal in meiner Erinnerung: Schon meine (bereits zuvor einmal erwähnte Grundschullehrerin - eine recht stürmische Frau) widmete den beiden Märtyrern und überhaupt regional-geschichtlichen Themen einen auffallend großen Anteil der Unterrichtszeit, was unter anderem (wenn man an dieser Stelle meiner Mutter Glauben schenken darf) auch der Grund dafür ist, dass ich damals eher weniger Wissen um Erdkunde und Geografie erwarb, dafür aber noch heute (gut 25 Jahre nach dem Verlassen der Aplerbecker Grundschule) die Ewald-Sage erstaunlich gut in Erinnerung habe  -  und übrigens auch 5 der 7 Strophen des Gedichts 'Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland' von Theodor Fontane fast fehlerfrei vortragen kann; wenn ich an dieser Stelle einmal damit angeben darf.

Wenn ich jedoch ernsthaft darüber reflektiere, komme ich zu dem Schluss, dass wir gegenüber meiner stürmischen Lehrerin von damals nicht allzu ungerecht seien sollten: Es hat wohl am Ende mehr mit meiner Neigung zum Themenfeld als mit ihr zu tun, dass ich heute wie damals beim Stadt-Land-Fluß spielen eher bescheiden abschneide. Noch heute finde ich regionale Geschichte interessanter als das Wissen darum, wo auf der Landkarte die Städte Wonneberg, Herzogenaurach oder auch dieses Berlin, von dem immer alle reden, zu verorten ist.. 

Zurück zum Thema: Die beiden heiligen Ewalde nehmen in Aplerbeck auch heute noch (etwa 1250 Jahre nach ihrem Tod) einen spür- und sehbaren Stellenwert ein. Unter anderem auch deshalb, weil diverse Dinge nach Ihnen benannt sind oder auf sie verweisen - um ein paar Beispiele zu nennen: Ein Sportverein (der DJK Ewaldi 1930 e.V.) samt Sportplatz und diversen Abteilungen und Angeboten (wie beispielsweise "Hallenbosseln", dem Eisstockschiessen ähnlich), ein Altenzentrum, eine katholische Kirchengemeinde (samt Familienzentrum und Pfarrei), mannigfaltige Straßennamen (wie die "Weiße-Ewald-Straße", die "Schwarze-Ewald-Straße" sowie die "Märtmannstraße"; auf letztere komme ich später noch einmal zu sprechen) und natürlich auch das 1980 unübersehbar auf dem Aplerbecker Marktplatz aufgestellte Denkmal der Gebrüder aus Bronze.


An dieser Stelle ein kurzer Exkurs: Der Entwurf für die besagte Plastik des Künstlers Kuno Lange (für deren Herstellung insgesamt 65.000,00 DM veranschlagt wurden - was heute ziemlich genau 33.233,97 Euro entspricht) wurde bei einer öffentlichen Ausschreibung der städtischen Kulturverwaltung und der Sparkasse Dortmund um eine schmückenden Skulptur für den öffentlichen Aplerbecker Raum eigentlich Zweitplatzierter hinter dem Konzept von Walter Hellenthal für eine organische Formenplastik. Langes Entwurf der beiden Ewalde wurde der abstrakten Kunst des Erstplatzierten jedoch vorgezogen, da sich die Aplerbecker Entscheider schlussendlich doch nicht mit ihr anfreunden konnten. Erwähnenswert finde ich die Information an dieser Stelle deshalb, weil die Aplerbecker des 9. Jahrhunderts und die Aplerbecker des 20. Jahrhunderts eine Gemeinsamkeit zu haben scheinen - ganz nach dem Motto:  "Moderne kommt uns nicht ins Haus." Oder eben auf den Marktplatz. Und beides hat nun mal mit den Ewalden zu tun..


Zurück zum Thema: Die Überlieferung von den Ewald- oder auch Ewaldi-Brüdern (letzteres ist dem lateinischen Plural geschuldet) und ihrer Reise in die heutige Emscherregion bis nach Aplerbeck liegt uns heutzutage in unzähligen Varianten vor - jede betont ein anderes Detail, legt einen anderen Schwerpunkt, hat Auslassungen und Ergänzungen.

Was jedoch als gesichert gilt: Erstmals aufgeschrieben wurde sie im Jahr 731 von Beda Venerabilis, einem angelsächsischen Benediktiner und Universalgelehrten, welcher sich neben seiner Tätigkeit als Geschichtsschreiber auch noch intensiv mit den Themen Grammatik, Orthografie, Metrik, Naturwissenschaften, Arithmetik, Astronomie sowie auch Zeiterfassung und Zeitberechnung auseinandersetzt hat.


Der Sage nach stammten die beiden Ewalde, einer mit hellem und einer mit dunklem Haupthaar (weshalb sie auch als 'weißer Ewald' sowie 'schwarzer Ewald' in Erinnerung geblieben sind) ursprünglich aus "dem Lande der Angeln" (heute eher als England bekannt) und reisten um das Jahr 690 (je nach Quelle zwischen 691 und 695) entlang des Rheins und der Emscher bis nach Aplerbeck, das Dorf meiner Jugend - so wurde es uns zumindest über viele Generationen hinweg überliefert.

Der schwarze und der weiße Ewald gehörten zum Berufsstand der Missionare. Daher fühlten sie sich auch dazu berufen, die (dem heidnischen Götterglauben zugewandten) Bewohner des damals noch kleinen bäuerlichen Ortes zu bekehren und ihnen statt des regionalen Kults um den einäugigen Wodan, den stürmischen Donar und die mütterliche Freya (welche sich übrigens in unseren Wochentagen Mittwoch, Donnerstag und Freitag verewigt haben) das Christentum und den Glauben an einen einzigen (in ihren Augen einzig wahren) Gott nahe zu bringen. In Aplerbeck sollen die beiden Missionare jedoch auf wenig Gegen- und zu ihrem Leidwesen auf noch viel weniger Christen-Liebe gestoßen sein.. 

Die Legende besagt, dass die beiden Brüder (ob biologisch oder im Glauben ist nicht überliefert) sich zunächst inkognito (oder als Botenbringer) getarnt beim örtlichen Bauern (oder Landmann oder Dorfvorsteher oder Schulzen) einquartierten und um Audienz beim herrschenden Fürsten (oder Gaufürsten) baten. Leider sollen sie sich trotz Lebensgefahr in unchristlichen Gefilden nicht allzu diplomatisch verhalten haben und verrieten ihre Mission(-ierung) durch laute Gebete, Gesänge und öffentlich zelebrierte Messopfer. Das soll dann wiederum beim örtlichen Aplerbecker Pöbel nicht allzu gut angekommen sein und als dann auch noch die örtliche Drude (die Seherin, heilige Frau oder heidnische Priesterin der wilden Aplerbecker, welche in den Höhen des Ardeygebirges gelebt haben soll) empfahl, die Missionare (tot oder lebendig) fort zu schaffen, war das tragische Ende der Ewalde besiegelt.


Kurz gesagt: Die rasende Aplerbecker Meute soll (obwohl die örtliche Damenwelt ihre Männer anflehte, es nicht zu tun) die Missionare tot geschlagen und anschließend wohl auch keine Scheu gezeigt haben, die Leichen der Erschlagenen nach dieser bereits schon höchst unerfreulichen Tat auch noch zusätzlich zu schänden, indem sie diese in viele kleine Stücke hackten. Um ihre abscheuliche Vorgehensweise (ein Mord an einem schutzlosen Gast in einer Zeit, in der das Gastrecht heilig war, konnte von der regierenden Obrigkeit auch damals schon nicht gut geheißen werden) zu verbergen, versuchte der Pöbel, die Ewalde (ob nun im Ganzen oder in Einzelteilen) möglichst unauffällig verschwinden zu lassen. So sollen die Brüder zur naheliegenden Emscher geschleift und von dieser davon gespült worden sein. Die Täter sollen jedoch nicht einfach ungestraft davon gekommen sein - der Überlieferung nach wurden sie allesamt für ihre Tat zum Tode verurteilt (oder mussten das Land ihrer Vorfahren, das wunderschöne Aplerbeck, auf immer in Schande verlassen, erleben, wie ihr Dorf niedergebrannt wurde und wurden aufs Schlimmste verflucht). Die lokale Überlieferung ergänzt an dieser Stelle, dass die Aplerbecker Erde (über welche die Ewalde zur Emscher geschleift wurden) niemals wieder von Tau oder Regen benetzt worden seien und dass es auf dem Hof, auf welchem die beschämende Tat vollstreckt wurde, nie wieder einen männlichen Erben gegeben haben soll.

Besagter Aplerbecker Hof, der Ort des grausamen Verbrechens, soll fortan den Namen "Mordmannshof" oder "Mortmannshof" oder "Mörtmannshof" oder "Märtmannshof" getragen haben. Zwar ist von diesem Hof im Jahr 2020 leider nichts mehr zu sehen, es gibt jedoch noch alte Aplerbecker Karten, die belegen, dass er sich ungefähr auf Höhe der heutigen Köln-Berliner Straße 38 befunden haben müsste. An dessen Stelle war in meiner Jugend wiederum das mittlerweile geschlossene Bekleidungsgeschäft Weber verortet, welches damals mit der reißerischer Fassaden-Aufschrift "Modischer Mittelpunkt in Aplerbeck" warb. Nicht weit (etwa zwei Kilometer) vom ursprünglichen Tatort und von Weber entfernt, erinnert jedoch noch heute die bereits erwähnte Märtmannstraße an den besagten Hof und die gewalttätige Schuld der Aplerbecker.


Um die Sage hier kurz noch zu einem Ende zu bringen: Die Gebeine der Ewalde wurden von der Emscher in den Rhein gespült (in einer der vielen Variationen sogar noch mit einem Umweg über Kaiserswerth) und von dort aus (was wäre eine Sage ohne zusätzliche Wunder) flussaufwärts gegen den Strom bis nach Köln getragen. Dort sollen die Ewalde sagenumwobener Weise des Nachts durch ein helles Licht angestrahlt worden und weithin zu sehen gewesen sein (alternativ wurden sie geradewegs ihren ebenfalls missionierenden Gefährten in die Hände gespült oder eine göttliche Vision machte ihre Glaubensbrüder auf den angeschwemmten Fund aufmerksam), so dass sie geborgen und angemessen bestattet werden konnten.

Die "Ehre der Altäre" (gegebenenfalls eher als Heiligsprechung bekannt) ließ auch nicht allzu lange auf sich warten - im Jahr 1074 durch den Erzbischof Anno II. von Köln, welcher die wundersamen Begebenheiten auf diesem Wege bestätigte. Die Gebeine der Ewalde sollen noch heute in der Kirche St. Kunibert zu Köln ruhen. Wer sich dafür näher interessiert, hat dort zumindest die Möglichkeit, den aufwendigen güldenen Reliquienschrein zu besichtigen, welcher (nachdem der ursprüngliche Schrein während der Säkularisation verloren ging) heutzutage als die finale Ruhestätte der Ewalde gilt...wenn man denn der ganzen langen Sage in ihren diversen Variantionen Glauben schenken mag - und warum auch nicht: Glauben ist schließlich nicht Wissen.

In diesem Sinne noch ein Hinweis: Es gibt durchaus noch einige Bistümer (beispielsweise in Essen, Münster, Köln und Paderborn), welche die beiden Heiligen jedes Jahr am 3. Oktober verehren und durch Messen und Glockengeläut ihrer gedenken.


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Verwendete Quellen: Literatur, Websites & Co:


Diederich, Toni: Ewald. In: Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche. 3. Auflage. Band 3. Herder, Freiburg im Breisgau 1995


Kirchhoff, Hans Georg und Liesenberg, Siegfried (Hrsg.): 1100 Jahre Aplerbeck, 899 - 1999, Festschrift im Auftrag des Vereins für Heimatpflege, Essen 1998


Schleef, Wilhelm: Geschichte der früheren Bauerschaft Aplerbeck, in: Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark, Band XLVIII, Dortmund 1950


Sondermann, Dirk (Hrsg.): Emschersagen. Von der Mündung bis zur Quelle. Henselowsky Boschmann Verlag, Bottrop 2006


https://www.aplerbeck.de/strassennamen/62-maigloeckchenweg-moellenhoffstrasse (abgerufen am 14.12.2019)


http://www.aplerbeck-damals.de/wordpress/wp-content/uploads/2014/02/19802013Ewaldi-Denkmal.pdf (abgerufen am 20.01.2020)


http://www.aplerbeck-damals.de/wordpress/wp-content/uploads/2014/03/06950695Ewaldi-Legende.pdf (abgerufen am 20.01.2020)


http://www.aplerbeck-damals.de/wordpress/wp-content/uploads/2014/06/Pellinghof1827_800x510.jpg (abgerufen am 08.02.2020)


https://www.heiligenlexikon.de/BiographienE/Ewald.html (abgerufen am 23.01.2020)


https://www.heiligenlexikon.de/Literatur/Ewald-Legenden.html (abgerufen am 23.01.2020)


https://www.romanische-kirchen-koeln.de/index.php?id=796 (abgerufen am 26.01.2020)


http://www.sagenhaftes-ruhrgebiet.de/Der_weiße_und_der_schwarze_Ewald (abgerufen am 20.01.2020)