• Miriam Witteborg

VII. ZU GAST..beim Aplerbecker Geschichtsverein - Oder: Kindheitserinnerungen


Teil meines Projekts rund um diesen Blog ist ja auch der Besuch verschiedenster Vereine und Institutionen, die sich mit der Emscher beschäftigen - für einen Austausch zum Thema und auf der Suche nach interessanten Menschen sowie spannenden Geschichten. Und so habe ich mich kürzlich nach Aplerbeck (in das Dorf meiner Jugend) begeben und den Aplerbecker Geschichtsverein besucht. Dieser hat seinen Standort seit 2012 in einer Kapelle auf dem Aplerbecker Friedhof in der Köln-Berliner-Straße, welcher im Übrigen in direkter Nachbarschaft meiner ehemaligen Grundschule liegt.


Und wenn man dann nach Jahren wieder durch die Straßen läuft, in welchen man so sprichwörtlich wie wirklich groß geworden ist, dann hat das durchaus etwas nostalgisches und fast schon vergessene Erinnerungen kommen hoch..

  • ...beispielsweise kam mir wieder ins Gedächtnis, dass der in den Giebel meineralten gelben Grundschule zementierte Spruch Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir einen kleinen, leicht zu übersehenden Fehler enthält: Das "a" in "das" wurde nämlich (ob versehentlich oder in schalkhafter Absicht) spiegelverkehrt angebracht und hat mich als Kind über die ein oder andere nicht allzu gut gelungene Prüfung hinweg getröstet. Fehler machen nämlich auch die Erwachsenen..

  • ..auf dem Pausenhof der Grundschule fuhren wir Nachmittags gerne Inliner. Es gab einen oberen und einen unteren Abschnitt (beide asphaltiert), verbunden durch eine 5-stufige Treppe sowie eine steile Rampe, welche perfekte Bedingungen zum skaten boten - wer Schutzkleidug trug, war uncool oder konnte nix. Ich gehörte zwar nicht zu den "Coolen", verzichtete aber dennoch auf Schoner aller Art; konnte ich doch (mit genügend Schwung) sogar Treppen rückwärts fahrend bewältigen. Eines Nachmittags verpasste mir ein Junge (nennen wir ihn Andreas) mitten auf besagter Rampe, mit Karacho vom oberen Schulhof kommend, einen rechten Bodycheck - was mir zwei glatte Brüche in den Handgelenken einbrachte. Viele Jahre später traf ich Andreas dann auf einer Party wieder, wo er mir (auf die gemeinsame Aplerbecker Jugend zu sprechen kommend) schließlich gestand, dass er mich damals aus voller Absicht umgefahren hatte - weil er verliebt war..

  • ..gegenüber der Grundschule stand ein Haus mit rauh verputzen Wänden. Eines Tages fuhr ich dort, wie so oft, mit meinem Fahrrad entlang - mit einem entscheidenden Unterschied jedoch, denn: Ich fragte mich, wie es sich wohl anfühlen würde und ob es wohl sehr weh täte, wenn ich fahrradfahrend mit meinem Bein an dieser Mauer entlang-schrappen würde. Sie kennen das vielleicht: Wenn man ziemlich genau weiß, etwas ist keine allzu gute Idee, möglicherweise sogar eine ziemlich schlechte, aber man kann es einfach nicht nicht-tun..

  • ..ein paar Meter von besagter Mauer entfernt und wiederum direkt gegenüber des Eingangs zum besagten Aplerbecker Friedhof wohnte mein liebster Grundschulfreund (nennen wir ihn Tassilo). In einer Pause, in welcher er sich wie so oft über den Schulhof auf den Friedhof davon stahl um Schabernack zu machen, fand er dort einen aus dem Nest gefallenen Vogel. Er brachte ihn spontan mit in den Unterricht, versteckte ihn in seiner Hosentasche und musste, als unsere Grundschullehrerin (eine zugegeben recht stürmische Frau) ihn an die Tafel zitierte, unentwegt kichern - was ihm eine Menge Ärger einbrachte. Wir päppelten den Findling in Tassilos Garten auf - er organisierte einen Käfig und ich das Futter, hatten wir doch selber ein Wellensittich-Pärchen daheim..

  • ..unsere gefiederten Freunde Pünktchen und Anton (benannt nach dem gleichnamigen Roman von Erich Kästner) hatten wir in familiäre Verwahrung genommen. Sie waren jedoch ursprünglich ein Schul-Projekt meiner bereits erwähnten stürmischen Grundschullehrerin mit dem Ziel, uns so genannten i-Männchen Verantwortung beizubringen. Die beiden gefügelten Rabauken, einer grün und eine blau, brachten jedoch (wie Tiere einmal so sind) eine dann doch nicht gewollte Menge Lärm, Dreck und Unruhe in die Klasse, so dass meine stürmische Lehrerin das lebendige Projekt recht schnell als gescheitert betrachtete und gerne wieder loswerden wollte. So viel zum Thema Verantwortung..

  • ..meine ältere Schwester, ebenfalls die Grundschule (zwei Klassen über mir) besuchend, erfuhr davon, 'reservierte' die Vögel spontan bei meiner Lehrerin und schaffte es dann auch tatsächlich, meine (eigentlich Haustier-vermeiden-wollenden) Eltern davon zu überzeugen, das Pünktchen und Anton zu uns ziehen durften. Wie sie es Jahre später dann auch noch schaffte, meiner (um-jeden-Preis-"Ungeziefer"-vermeiden-wollenden) Mutter die Erlaubnis für ein Ratten-Damen-Pärchen (welche von uns passenderweise die mittelalterlich-anmutenden Prinzessinnen-Namen Genoveva und Bersaba erhielten) abzuringen, ist mir bis heute rätselhaft..

  • ..eine der beiden Ratten-Damen (es ging so schnell, dass ich glücklicherweise nicht sah, ob es nun Genoveva oder Bersaba tat) biss dann leider eines Tages den grünen Anton, um ihr Revier zu verteidigen - das geschah, nachdem ein Mädchen aus der Nachbarschaft (nennen wir sie Ute) den Vogel aus Mitleid aus dem Käfig holte, während die Ratten-Damen ebenfalls bereits freien Auslauf in dem kleinen von meiner Schwester und mir gemeinsam bewohnten Kinderzimmer genossen. Anton erlitt daraufhin einen Herzinfarkt und verstarb in meinen Händen. Das war sehr traurig - für Anton, für Pünktchen, für meine Schwester, für mich und auch für Ute - die sich sehr schuldig fühlte und so herzergreifend weinte, dass ich sie trösten musste..

  • ..ich könnte ewig so weiter erzählen..aber..


Zurück zum Thema: Der Aplerbecker Geschichtsverein befindet sich also auf dem örtlichen Friedhof in einer ehemaligen Kapelle. Das klingt im ersten Moment komisch, ist jedoch ein ziemlich lebendiger Ort - denn dort treffen sich jede Woche (immer Dienstags zwischen 17:00 und 19:00 Uhr) geschichtsinteressierte Aplerbecker. In ihrem jahrelangen Engagement haben sie dort ein Archiv rund um die Geschichte des Stadtbezirks zusammen getragen. Und aus diesen Erfahrungen heraus publizieren sie Sachbücher, Geschichtsblätter sowie alle möglichen Sonderhefte, halten Vorträge, organisieren Ausstellungen, Exkursionen sowie Seminare und öffnen interessierten Besuchern (wie mir) die schweren Kapellentüren.

Ich freute mich sehr, endlich einmal besagte Kapelle zu betreten, war ich doch als Kind nach der Schule oft um selbige herum gestreunt, weil sich mein Lieblingsbaum (eine Trauerweide und gleichzeitig meine geheime 'Höhle') direkt daneben befand. Die Kapelle hatte immerzu verschlossen Türen - glauben Sie mir ruhig; ich habe die Klinke oft herunter gedrückt - alte Gebäude haben mich eben auch schon damals interessiert. Was ich nicht wusste: Sie war nicht zu betreten, da sich der Dachstuhl in einem höchst baufälligen Zustand befand und die Wände, vom Schwamm befallen, als giftig und marode eingestuft wurden.

Der Aplerbecker Geschichtsverein hat es vor ca. 10 Jahen  in einem Gemeinschaftsprojekt geschafft, die vom örtlichen Amtsbaumeister Wilhelm Stricker (der auch das schöne Aplerbecker Rathaus sowie die Stadtteilbibliothek, einen weiteren Kinder-Lieblingsort von mir, konzipiert hat) entworfene und zwischen 1905 - 1907 erbaute Kapelle mit ihrer Trauerhalle gemeinsam mit den Stricker-Nachkommen, der lokalen Politik, der Stadtverwaltung, der örtlichen Wirtschaft und engagierten Bürgern zu sanieren.

Das historische Baudenkmal konnte erhalten werden, indem der Dachstuhl erneuert (und mit den von der Denkmalbehörde vorgeschriebenen Doppelmuldenziegeln eingedeckt wurde), das Gebäude bzw. die Wände beheizt (um die Bausubstanz vor feuchtigkeitsbedingten Schäden zu bewahren) und die originalen, farbigen (zum Teil handgemalten), bleiverglasten Fenster (welche leider stark beschädigt waren) aufwendig restauriert bzw. rekonstruiert und anschließend isoliert wurden.

Die dabei angefallenen Gesamtkosten von insgesamt 202.000 € hat der Verein durch Eigenmittel, Gelder der Stadtverwaltung, großzügige Beteiligung von Privatpersonen und örtlichen Institutionen sowie durch Materialspenden der beteiligten Gewerbe zusammen getragen.

Empfangen haben mich die Vereinsmitglieder Magret Lüders, Günter Ehlers und Martin Fischer an einem kalten dunklen Wintertag Ende letzten Jahres. Sie berichteten mir von ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten und dem gemeinsamen Interesse an lokaler Geschichte. Regelmäßig geben sie beispielsweise die  Zeitschrift 'Aplerbecker Geschichtsblätter' heraus, von welchen mich die Nummer 13 vom November 2006 mit dem Titel "Alte und neue Fotos von der Emscher in Sölde und Aplerbeck" (auf welche ich bereits über die Homepage des Vereins aufmerksam wurde) besonders interessierte, da diese Zeitdokumente der Aplerbecker Emscher wärend der Industrialisierung enthält: Vom halbwegs natürlichem Ur- und Überschwemmungs-Zustand im späten 19. Jahrhundert sowie von den ersten Bauarbeiten der vor 120 Jahren gegründeten Emschergenossenschaft.

Herr Ehlers und Herr Fischer berichteten mir in diesem Zusammenhang, dass die Fotos im Geschichtsblatt dem umfangreichen Archiv der Emschergenossenschaft (einer Sammlung von über 250.000 Fotos, welche die Entwicklung der Emscher seit Gründung der Genossenschaft dokumentieren) entstammen. Die Ältesten davon wurden durch die mittlerweile praktisch ausgestorbene Fotoplatten-Technik hergestellt und im besagten Heft befinden sich die mittlerweile digitalisierten Abzüge der im Ruhrmuseum Zollverein in Essen archivierten Fotoglasplatten (übrigens ein weiterer Ort, den ich innerhalb  meine Recherchen noch besichtigen möchte).

Kleiner Exkurs: Glasplatten dienten  Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Trägermaterial für Fotoaufnahmen, wurden mit einer flüssigen Fotoemulsion (einem dünnen lichtempfindlichen Gel aus feinen Kristallen bzw. Silberhalogeniden in Gelantine) beschichtet und anschließend als Aufnahmemedium in eine sogenannte Plattenkamera bzw. den metallenen oder auch hölzernen Filmhalter derselben eingelegt. Dabei handelte es sich um ein kompliziertes Verfahren, welches in völliger Dunkelheit ausgeführt werden musste und auch die anschließende Belichtung und Fokussierung erforderte ein hohes Maß an Fertigkeit durch den Fotografen. Durch die Entwicklung der zerbrechlichen Platten enthielt man anschließend ein umweltresistentes Negativ der Aufnahmen, welche bei sachgerechter Archivierung auch Jahrzehnte bzw. mittlerweile Jahrhunderte später noch einen wunderbar detaillierten Eindruck vermitteln können - in unserem Fall der Emscher, ihrer Umgebung und der damals ansässigen Menschen.


Bei der Betrachtung der Bilder entstand die Idee, dass ich gerne eine kleine Auswahl der vorliegenden historischen Fotos aus Aplerbeck örtlich bestimmen, wiederfinden und in möglichst gleicher Perspektive erneut fotografieren möchte (so dass die Bilder einander gegenübergestellt werden können und so die Veränderung der Region veranschaulichen). Die Vereinsmitglieder sicherten mir Unterstützung bei der Recherche nach den richtigen Straßen und Orten zu, rieten mir in diesem Zusammenhang jedoch, mir zuvor (Thema Datenschutz - sicher ist sicher) noch die offizielle Erlaubnis zur Nutzung und Veröffentlichung der ausgewählten Bilder bei der Emschergenossenschaft (welche auch aus verschiedenen anderen Gründen auf der Liste meiner Wunsch-Gesprächspartner für dieses Projekt steht) einzuholen. Gesagt, getan - der Termin für ein Kennenlernen ist abgestimmt - darüber wird dann zeitnah ein weiterer Beitrag unter der Rubrik "Zu Gast.." erscheinen.

Kreuz vom Aplerbecker Friedhof aus dem 16. Jahrhundert

Mein Besuch vor Ort beim Aplerbecker Geschichtsverein verging jedenfalls in Windeseile, denn die Mitglieder konnten fundiert und begeistert über die eigene Arbeit berichten, gaben mir Tipps und Hinweise zu weiterführenden Veröffentlichungen zum Thema Emscher, berichteten mir über die (bereits oben im Texter näher erläuterten) Renovierung des Gebäudes, wiesen mich auf interessante Gesprächspartner und Vereine hin, gaben mir eine Führung durch Büro, Archiv und die wieder nutzbar gemachte Trauerhalle, zeigten mir dort das erst kürzlich wiederentdeckte steinerne Grab-Kreuz aus dem 16. Jahrhundert (worauf Inschrift und Anfertigung hinweisen), schalteten alle Lichter aus um die arg verwitterte Gravur im Licht einer Taschenlampe wieder sichtbar zu machen, schenkten mir besagtes Geschichtsblatt Nr. 13 zum Thema Emscher aus ihrem Archiv und liehen mir darüber hinaus das Buch "Hasenkuckuck" des Aplerbecker Autors (und darüber hinaus als Bergmann, Kommunist und Wiederstandskämpfer in Zeiten des Nationalsozialismus in Erinnerung gebliebenen) Anton Kalt, über welchen wir uns zuvor angeregt unterhalten hatten.


In diesem Sinne: Herzlichen Dank für den kurzweiligen und interessanten Abend. Gerne komme ich wieder - Auf bald!


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Verwendete Quellen: Literatur, Websites & Co:


https://www.aplerbeck.de/ (abgerufen am 22.11.2019)


https://www.aplerbeck.de/blitzlichter/78-die-sanierung-friedhofskapelle-eine-chronologie (abgerufen am 29.11.2019)


https://www.aplerbeck.de/publikationen/aplerbecker-geschichtsblaetter/20-geschichtsblaetter-nr-13-alte-und-neue-fotos-von-der-emscher-in-soelde-und-aplerbeck (abgerufen am 12.11.2019)


https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Friedhofskapelle_Aplerbeck-Mitte?uselang=de (abgerufen am 29.11.2019)


http://www.glasnegativ.de/ueber.html (abgerufen am 25.01.2020)


https://www.revierpassagen.de/35124/lebenspralle-literatur-anton-kalt-und-der-hasenkuckuck-aus-dortmund-aplerbeck/20160327_1433 (abgerufen am 09.02.2020)


https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Stricker_(Baumeister) (abgerufen am 02.02.2020)