• Miriam Witteborg

X. EMSCHERGESCHICHTE(N)..Oder: Die Gründung der Emschergenossenschaft


Die Entwicklungsgeschichte der Emscher vom natürlichen Bach zur betonverschalten 'Köttelbecke' lässt sich am Besten begreifen, wenn man sich einmal näher mit der Emschergenossenschaft befasst, welche vor nunmehr 120 Jahren gegündet wurde. Das ist eine ziemlich lange Beziehung - von einer 'Lovestory' kann man hier jedoch nicht wirklich sprechen - eher von einer dringend notwendigen 'Zwangsentscheidung'.

Und um herauszufinden, wie es überhaupt zur Gründung der Emschergenossenschaft kam, bin ich zum Hauptverwaltungsgebäude nach Essen gereist, zum sogenannten 'Emscherhaus' (an den "Schreibtisch des Ruhrgebiets" und in das "schönste Verwaltungsgebäude im Industriebezirk"), um mich dort mit Friedhelm Pothoff und Elias Abawi aus dem Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit über die Emscher auszutauschen und um in Erfahrung zu bringen, welche Aufgaben die Genossenschaft für die Region übernommen hat. Fangen wir also da an, wo der vorhergehende Emschergeschichte(n)-Blogbeitrag "Von Eiszeit, Steinzeit und Mittelalter" aufgehört hat:


Interessanterweise sind bereits aus dem  16. Jahrhundert erste Beschwerden und Klagen über die Unregulierbarkeit der Emscher überliefert. Der damals noch eher gering besiedelte und vorwiegend ländlich geprägte Landstrich, welcher uns heute als Industrieregion Ruhrgebiet bekannt ist, machte sich erste Gedanken über eine Säuberung des zunehmend verschmutzten Flußbettes der Emscher. Das Gewässer, welches sich per se durch eine langsame Fließgeschwindigkeit auszeichnete (aufgrund des niedrigen Gefälles von lediglich 120 m Höhenunterschied zwischen Quelle und Mündung) hatte nämlich bereits damals die für die Anwohner eher unangenehme Neigung zum mäandern, zu Versumpfungen und zu Überschwemmungen.

Im 18. Jahrhunderts wurde dann erstmals über eine Kanalisierung der Emscher diskutiert - und zwar zwecks Schiffbarmachung des Gewässers, um so die Transportwege der zunehmend regional abgebauten Steinkohle zu begünstigen und die Versorgung der anwachsenden Bevölkerung zu gewährleisten. Das Vorhaben scheiterte jedoch nach langem Hin und Her an den veranschlagten Kosten in Höhe von 386.400 Talern (ohne die Kosten für die "schwere jährliche Unterhaltung" derselben), was allein fast 40 % der jährlich zur Verfügung stehenden freien Einnahmen des preußischen Staates betragen hätte - und auch aufgrund der Tatsache, dass sich bereits parallel die Ruhrschifffahrt mit einer starken Lobby dahinter zu etablieren begann.

Mitte des 19. Jahrhunderts war der ländliche Frieden dann fast vollständig aus dem Ruhrgebiet, welches ja eigentlich viel treffender "Emscherland" hätte heißen müssen, verschwunden - hatte sich doch im Rahmen der fortschreitenden Industrialisierung (aufgrund des florierenden Bergbaus, der Stahlwerke, des Eisenbahnbaus sowie auch aufgrund der zahlreichen Industriebetriebe) die regionale Bevölkerung mittlerweile vervielfacht. Zur Veranschaulichung hier ein paar bevölkerungstechnische Daten aus dem Ruhrgebiet:

- 1816: 120.000 Einwohner

- 1858: 475.000 Einwohner

- 1871: 720.000 Einwohner

- 1905: 2.600.000 Einwohner

Bereits über Jahrzehnte wurden damals sowohl die industriellen Abwässer der zahllosen Bertiebe und Gewerke als auch die Haushaltsabwässer von Millionen von Metropol-Bewohnern völlig ungefiltert in die Emscher und ihre Nebenläufe eingeleitet. Aufgrund des flächenhaften Abbaus von Steinkohle sackten dann noch zusätzlich und großräumig ganze Gebiete um bis zu fünf Meter ab und die daraus resultutierenden Störungen der Abwasser-Ableitungen führten in der ganzen Region zunehmend zu einem sogenannten Entwässerungsnotstand.

In der Folge stauten sich die Faulwässer (eine überlriechende Brühe aus Fäkalien, Chemikalien und Schwermetallen) in den regionalen Senkungsmulden (den sogenannten Poldern) und setzen durch flächenhafte Überflutungen regelmäßig ganze Stadtteile unter Wasser - jeder zweite Arbeiter erkrankte im Laufe seines Arbeitslebens schwer (an Cholera, Diphterie, Lungenentzündung oder auch an der Durchfallerkrankung Ruhr) und jeder zehnte Arbeiter sogar nachweislich (aufgrund des feuchten sumpfigen Klimas der Region) an Malaria. Aufgrund fehlender Kläranlagen und der daraus resultierenden hygienischen Mißstände breiteten sich zunehmend auch tödliche Epidemien innerhalb der Bevölkerung aus - in Gelsenkirchen kam es beispielsweise im Jahr 1901 zu einer Typhusseuche mit mehr als 200 Toten. Die mit toxischen Schmutzstoffen völlig überfrachtete Emscher und die verseuchten Brunnen bedrohten zunehmend die Gesundheit und den Lebensraum der Menschen im Pott.

Von den durch sie selbst erst enstandenen Vorflut-Problemen der Emscher waren im Ruhrgebiet 2 Provinzen, 3 Regierungsbezirke, 6 Stadtkreise, 8 Landkreise, 43 Ämter, 137 Gemeinden sowie zahlreiche Betriebe und zahllose Gewerke zwischen Holzwickede und Dinslaken betroffen. Es fühlte sich jedoch aufgrund der fehlenden Bereitschaft zur überbehördlichen Zusammenarbeit sowie den (zu  Recht) befürchteten hohen Kosten für einen überregionalen Umbau niemand so wirklich für die Probleme verantwortlich oder scheiterte am alleinigen Lösungsversuch einer Emscherregulierung - wie beispielsweise der 1884 von neun Bergbau-Unternehmen gegründete 'Verband für die Abwässerung des Schwarzbach-Gebietes' unter der fachlichen Beratung des Baumeisters Karl Michaelis.

Daher wurde am 14. Dezember 1899 auf Anordnung des preußischen Staates schließlich im Ruhrgebiet die städte- und branchenübergreifende Emschergenossenschaft als erster deutscher Wasserwirtschaftsverband überhaupt ins Leben gerufen, dessen sogenannte 'Gründerväter' (eine achtköpfie Arbeitsgruppe aus Experten und Wissenschaftlern) sich mit insgesamt 70.000 Mark Startkapital gemeinschaftlich dem regionalen Problem annehmen sollten - das war auch allerhöchste Zeit..

Vorne rechts im Bild ist der aus Eickel (nach der Städtefusion und Eingemeindung heute eher als Herne Wanne-Eickel bekannt) stammende Wasserbauingenieur und königliche Regierungsbaumeister Wilhelm Middeldorf zu sehen, welcher bereits an der Ausführung des Dortmund-Ems-Kanals mitgewirkt hatte und nun den kühnen Plan bzw. das Gesamtkonzept zur Abwasserbeseitigung, Reinigung und Entwässerung der Region maßgeblich entwickeln und umsetzen sollte. Ein Jahr nach der Gründung der Genossenschaft legte Middeldorf den ersten Bericht vor, welcher bereits alle Umbauarbeiten des Abschlußgutachtens zur Beseitigung der ökologischen Problemzonen der Metropole enthielt:

  • die ursprünglich 109 Kilometer lange Emscher sollte begradigt und damit auf 81 Kilometer verkürzt werden..

  • das Gewässer sollte um drei Meter tiefer gelegt bzw. eingedeicht werden, um Überschwemmungen des Umlandes zu vermeiden..

  • die Emscher sollte in V-förmige Rinnen (vor allem durch vorgefertigte trapezförmige Emschersohlschalen aus Beton) eingefasst und so versiegelt werden, um die Vorflutstörungen zu beseitigen und den geregelten Abfluss des Wassers zu gewährleisten..

  • die Emschermündung sollte mehrere Kilometer nach Norden verlegt werden, um starken Bergschäden auszuweichen..

  • aus dem ehemaligen zu Versumpfungen neigenden Schmutzbach sollte so ein oberirisches Kanalnetz entstehen (unterirdisch wäre aufgrund des Bergbaus damals ohnehin keine Option gewesen), an welchem schnelle Reparaturen sowie leichtere Wartungsarbeiten kurzfristig durchgeführt werden konnten..

  • zahlreiche Pumpwerken sollten den Emscher-Kanal säumen, um das Wasser aus den Senkungsgebieten, die nicht bebaut werden konnten, anzuheben..

  • durch insgesamt 23 dezentrale mechanische Kläranlagen (mittels Absetzbecken und Filterbetten) sollte das Problem der Geruchsbelästigung durch Fäkalien und faulende Schlämme behoben werden..

Die Kosten veranschlagte Middeldorf auf insgesamt 40.000.000 Mark, welche ohne staatliche Beteiligung durch Beitragszahlungen der beteiligten Stadt- und Landkreise sowie Gemeinden, des Bergbaus, der Hüttenindustrie, der Eisenbahngesellschaften und zahlreichen weiteren gewerblichen Unternehmen aufgebracht werden sollten - denn: Wer zahlte, durfte mitentscheiden.

1904 begann die Genossenschaft dann mit der Einstellung von Personal - die Belegschaft bestand zunächst vor allem aus Spezialisten und Sachverständigen für die Themengebiete Vermessung sowie Wasser- und Bodenanalysen. Am 10. September 1906 wurde der erste Spatenstich getan und die Baurbeiten an der Emscher begannen zwischen Walsum und Oberhausen - zahlreiche Arbeiter (1909 bereits 1.800 Menschen) waren im Auftrag der Emschergenossenschaft am direkten Umbau beteiligt, so dass auch eine übergeordnete  Verwaltung zur Koordination der diversen Baustellen erforderlich wurde sowie auch eine Rechtsabteilung zur Klärung der umfangreichen rechtlichen Fragen. Der feste Personalstamm (90 Mitarbeiter im Jahr 1905 - 140 Mitarbeiter im Jahr 1908 - 200 Mitarbeiter im Jahr 1911) benötigte zunehmend ein zentrales Gebäude - zuvor dienten nämlich noch provisorisch eingerichtete Büros an den einzelnen Bauabschnitten mehr schlecht als recht den organisatorischen Belangen des Jahrhundertvorhabens.

10 Jahre nach der Gründung erbaute die Genossenschaft schließlich in Essen das (vom Architekten Wilhelm Kreis entworfene) representative Hauptverwaltungsgebäude. Von dort aus trafen dann die führenden Köpfe der Genossenschaft (die sogenannten 'Ruhrbarone') die Entscheidungen für die Region.

Und da es rund um dieses historische Gebäude (welches ja heute noch existiert und von wo aus ich diesen Beitrag begonnen habe) noch so einige interessante Anekdoten zu berichten gibt, werde ich dem Emscherhaus zeitnah unter der Rubrik "Zu Gast.." einen eigenen Blog-Artikel widmen, um noch einmal ausführlicher von der Geschichte des Hauses und seiner Architektur zu erzählen.


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Quellen:

Emschergenossenschaft (Herausgeber), Ralf Peters et al (Autor): 100 Jahre Wasserwirtschaft im Revier. Die Emschergenossenschaft 1899 - 1999. Verlag Peter Pomp (1999)


Prof. Dr. Uli Paetzel, Dr. Emanuel Grün, Raimund Echterhoff (Herausgeber) Schwarz Blau Grün: 120 Jahre Emschergenossenschaft. Verlag Kettler (2020)


https://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/findbuch.jsp?archivNr=1&id=2996&klassId=30&verzId=6340&expandId=28&tektId=3648&bestexpandId=3647&suche=1 (14.05.2020)


https://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/findbuch.jsp?archivNr=1&id=2996&klassId=30&verzId=6407&expandId=28&tektId=3648&bestexpandId=3647&suche=1 (16.05.2020)

https://blog.eglv.de/vor-115-jahren-wurde-die-emschergenossenschaft-gegruendet/ (10.02.2020)


http://dfg-viewer.de/show/?tx_dlf[id]=http%3A%2F%2Fwww.landesarchiv-nrw.de%2Fdigitalisate%2FAbt_Westfalen%2FKartensammlung_A%2F%7E166%2F16623%2Fmets.xml (14.05.2020)


https://www.eglv.de/app/uploads/2019/02/Broschuere_Emscherhaus.pdf (10.02.2020)


https://www.ikz-online.de/staedte/essen/blaue-fluesse-und-gruene-ufer-fuer-essen-statt-koettelbecken-id10205239.html?seite=2&displayDropdownTop=block&displayDropdownBottom=none (07.02.2020)


https://www.lwl.org/LWL/Kultur/Westfalen_Regional/Naturraum/Emscher_I (10.02.2020)


https://www.lwl.org/LWL/Kultur/Westfalen_Regional/Wirtschaft/Bergsenkungen (27.04.2020)


http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/89571168 (30.04.2020)


https://www.naturfreunde.de/sites/default/files/attachments/nfd_flusslandschaft-2010-11_emscher_broschuere.pdf (27.04.2020)


https://sammlungen.ulb.uni-muenster.de/hd/content/titleinfo/3006898 (14.05.2020)