• Miriam Witteborg

XI. EMSCHERGESCHICHTE(N)...Oder: Von Fischen und Fängern


Der 'Fisch des Jahres 2018' lebt in der Emscher - ein echtes Kuriosum, wenn man bedenkt, dass die Emscher gut zwei Jahrhunderte lang eine 'öffentliche Kloake' war, in welche zu Zeiten der Industrialisierung die Abwässer der örtlichen Betriebe und Gewerke, die Haushaltsabwasser der Ruhrgebietler und auch deren Fäkalien eine stinkende Brühe ergaben, die oberirisch mittels eines betonierten Kanals durch die Region geleitet wurden und die noch bis in meine Erwachsenwerdung hinein zur Abwasserentsorgung genutzt wurde..


Da hat die Emschergenossenschaft mit der Renaturierung tatsächlich ein kleines Wunder vollbracht - denn der Fisch des Jahres, der in der Laichzeit sich rötlich färbende 'dreistachliche Stichling' oder auch 'Gasterosteus aculeatus' (bitte an dieser Stelle nicht verwechseln mit dem mutierten dreiäugigen Fisch aus der Serie 'Die Simpsons') ist mittlerweile wieder in fast allen Flußabschnitten des Emschersystems zu finden.

Obwohl er für die Angelei nicht wirklich von Bedeutung und für den Verzehr eher weniger geeignet ist, wurde der dreistachliche Stichling vom Deutschen Angelfischereiverband (DAFV) gemeinsam mit dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) und in Abstimmung mit dem Verband Deutscher Sporttaucher (VDST) ausgewählt, um auf seine ökologisch wichtige Funktion im Kreislauf eines Gewässers hinzuweisen.

Die Besonderheit des Fisches begründet sich (unter anderem) in der Tatsache, dass am Boden seines heimischen Gewässers Nester baut, in welchen er nach der Ablage und Befruchtung der Eier gewissenschaft die Brutpflege des Nachwuchses übernimmt und den geschlüpften Jungfischen anschließend sogar noch wochenlang seinen Schutz zuteil kommen lässt.


Der dreistachliche Stichling ist natürlich nicht der einzige Fisch, der mittlerweile wieder in der Emscher heimisch geworden ist. Insgesamt sind es gut 27 Fischarten, die sich in den renaturierten Flussabschnitten tummeln; teils durch absichtliche Wiederansiedlung, teils von ganz alleine - wie beispielsweise Emschergroppen und Bachforellen sowie auch Zander, Moderlieschen, Barben, Gründline und auch Barsche. Sie bestätigen, dass die Emscher sich langsam wieder ihrem Ursprungszustand annähert.

Denn ursprünglich wurde in der Emscher sogar ganz ordentlich abgefischt - von der wirtschaftlichen Bedeutung der Fischerei-Pfründe zeugt bereits eine Urkunde aus dem Jahr 1448, in welcher das gewinnträchtigen Erbe dreier Brüder (Walrave, Johan und Hinrick van Ekell) bei Crange (im heutigen Stadtgebiet von Herne Wanne-Eickel) schriftlich festgehalten wurde: "Ferner sollen die Gebrüder haben: Land, Kämpe, Markenrecht und Fischerei um das Haus Kr., von der Fischerei in der Emesscher sollen die Gebrüder den einen Teil toe dem vaersten Huse haben, den anderen an dem nedersten Huse."

So verwundert es also nicht allzu sehr, dass auch heutzutage wieder offiziell gefischt werden darf und aus ökoloischen Gesichtspunkten (natürlich nur mit Angelschein) sogar muss - beispielsweise in der 'alten Emscher' bei Duisburg; einem sogenannten 'Altarm' bzw. der ehemaligen Mündung der Emscher. Denn eben dort sind durch Menschenhand mittlerweile auch gewässeruntypische Fische wie Hechte und sogar Welse (mit bis zu 1,30 Meter Länge) ausgesetzt worden. Da diese jedoch in der Emscher nicht ursprünglich heimisch sind, werden sie als sogenannter 'Fehlbesatz' gezielt dezimiert, so dass sie den gerade erst zurück gekehrten heimischen Arten nicht vorschnell den Garaus machen.


Ob dann eines Tages auch auf meinem Teller mal ein Fisch aus der Emscher liegen wird? Falls ja, werde ich hier im Blog darüber berichten..



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Quellen:


Walrave, Johan und Hinrick van Ekell, Gebrüder, Söhne des verstorbenen Johan v. E., halten eine Teilung und Scheidung mit Everde v. E., Drost zu Menden, Bruder ihres verstorbenen Vaters, betr. ihres väterlichen und mütterlichen Gutes, 27. März 1484 (op ten satersdach na den hilligen sundach den man nompt Oculi in der vasten), Original, Pergament, LWL-Archivamt für Westfalen - Digitale Westfälische Urkunden-Datenbank (DWUD), März 2011


https://blog.eglv.de/fische-in-der-alten-emscher/ (14.06.2020)


https://emscherblog.de/fisch-des-jahres-2018-lebt-in-der-emscher/ (12.05.2020)


https://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/urkunden_datenbank/suche/regest_detail.php?dwudanpassen=J&regest=97187 (12.05.2020)


https://www.mengede-intakt.de/2018/08/24/kaum-zu-glauben-lebende-fische-in-der-emscher/ (12.05.2020)