• Miriam Witteborg

XII. ZU GAST...im Emscherhaus


HIER im Blog hatte ich ja bereits über meinen Besuch bei der Emschergenossenschaft berichtet und ausführlich über die Notwendigkeit der Gründung derselben erzählt. Dafür war ich Anang diesen Jahres zur Zentrale der Genossenschaft nach Essen gereist - an den sogenannten "Schreibtisch des Ruhrgebiets" und in das "schönste Verwaltungsgebäude im Industriebezirk" - zum historisch höchst interessanten Emscherhaus.

Bevor ich mich zum vereinbarten Termin vor Ort begab, betrachte ich das riesige, zwischen 1908 und 1910 erbaute Verwaltungsgebäude von außen - der "erste Backsteinmonumentalbau" der Stadt, welcher die Emschergenossenschaft auch nach außen hin representativ verkörpern sollte, ist stilistisch zwischen ornamentreichem wilhelminischen Neobarock, strengem klassizistischen Monumentalstil und verspieltem Jugendstil einzuordnen - das erfahre ich jedenfalls aus den vor Ort ausliegenden Broschüren.

Das Gebäude ist von außen (ganz in der Tradition des 'westfälischen Barocks') größtenteils mit dunkelbraunem Weseler Klinker eigekleidet - denn dieser hat einen entscheidenden Farbvorteil: Die langlebigen Backsteine eigenten sich damals ganz hervorragend, um die im Ruhrgebiet so typischen Umweltverschmutzungen an der Fassade zu verschleiern. Hinzu kamen dann noch der Abwechselung halber hellere Materialien wie Ettringer Eifeltuff, Vulkanstein Trachyt und auch Muschelkalkplatten.

Genaueres Hinsehen ist bereits vor dem Gebäude lohnenswert - denn die gesamte Fassade des Emscherhauses ist geschmückt mit ornamentreicher Symbolik, welche zugleich auch die Aufgaben der Genossenschaft wiederspiegeln: Zum Thema Wasser sind Neptuns bzw. Poseidons Zepter, kopfüber ins Wasser springende Fische und sogar wellenreitende Putten zu entdecken; das Thema Gesundheit wird durch den heilenden Äskulapstab mit Schlange vetreten, welcher über den Fenstern zur Straßenseite hin zu finden ist; das Thema Natur wird durch Lotosblumen als Symbol der geheilten Natur, Vögel, Fruchtkörbe und schneckenfömige Ornamentik dargestellt; zum Thema Technik lassen sich wiederum ineinandergreifende Zahnräder finden.

Und auch der Architekt des Gebäudes selber (zur Erinnerung: Wilhelm Kreis) hat sich auf seine ganz eigene Art geschickt verewigt - ist doch das namensgebende Symbol vielfach sowohl Außen an den Wänden und Fenstern als auch Innen am Mobiliar zu entdecken.


Hoch über dem Prachtbau erhebt sich der quadratische und mit englischem Schiefer eingedeckte  Treppenturm des Gebäudes - 9 Meter breit wie lang und 37 Meter ist er hoch. Die Spitze ist von einer barocken Kupferamphore (liebevoll auch "Champagnerkühler" genannt) gekrönt - diese soll im übrigen (wenn man der der augenzwinkenden Anekdote Glauben schenken darf) den zu Bauzeiten letzten Fisch der Emscher beherbergen.

Ich betrat den imposanten (das Wort "protzig" wollte ich mir verkneifen) säulenverzierten Eingang an der Kreuzung Richard-Wagner- und Kronprinzenstraße. Im Foyer, an der verglasten Pförtnerloge, erhielt ich dann auch direkt (m)einen Besucherausweis - denn das Gebäude ist nur mit offizieller Erlaubnis zu betreten - Interessierten sowie Besuchergruppen wird diese bei vorheriger Anmeldung jedoch unkompliziert gewährt.

Innen geht es dann durchaus representativ (oder halt "protzig" - oder eben einfach auch nur "schön") weiter - auf der Suche nach dem Büro meiner Ansprechpartner bewegte mich durch die offene eingeschossige Eingangshalle und das (mittlerweile denkmalgeschützte) reich verzierte Treppenhaus. Die klassizistisch filigranen sowie flächigen Ornamente an den Wänden und Decken (in Form von Kannelüren, Tiermotiven, Rosetten und anderem Zierrat) wurden kunstvoll per Gußverfahren hergestellt und über einer Eisenbetonkonstruktion angelegt - wenn man so will, lässt sich bereits hier der Brückenschlag zu der Substanz finden, welche als unverzichtbarer Baustoff auch im Rahmen der Emscher-Kanalisierung maßgeblich verwendet wurde - zum Beton.

Das Herz des Gebäudes ist der weitesgehend im Ursprungszustand belassene 'Emscher-Saal', in welchem man (mit ein bisschen Fantasie) sogar noch heute den Zigarrenqualm der 'Ruhrbarone' riechen kann.

Der wenig bescheiden anmutende Sitzungssaal ist 96 qm groß und reicht mit seinen 8 Meter hohen und zum Teil holzvertäfelten Wänden gleich über zwei Stockwerke. An der in Karrees unterteilten prunkvollen Beton-Decke hängt ein beeindruckender, elektrischer Kronleuchter sowie  vier kleinere Kandelaber im gleichen Stil.

Dazu noch eine kleine Anekdote: Dieser überaus schwere Konleuchter fiel im Jahr 1952 wärend einer Mittagspause (im daher glücklicherweise leeren Saal) mit lautem Getöse von der Decke mitten auf den massiven Sitzungstisch - Schuld daran waren wohl falsch berechnete Träger. Was alles hätte passieren können, wenn die Ruhrbarone zu eben dieser Zeit im Saal und nicht im Restaurant, in der Kantine oder auch Zuhause gesessen hätten, kann man sich nur schwerlich vorstellen..unsere Region wäre möglicherweise eine ganz andere..

Ansonsten befinden sich im Raum schwere dunkle Möbel - wie zum Beispiel der besagte gewaltige Sitzungstisch mit seinen barocken Verzierungen sowie ein gutes Dutzend bequem aussehender Polsterstühle - man wollte eben auch etwas haben für sein Geld.

Daher zieren auch die Wände des Emschersaals zahlreiche dekorative schmiedeeiserne sowie beton-gegossene Elemente - hier wäre beispielsweise das dreidimensionale Relief der Hygieia hervorzuheben, welche sich eine flache Schale zum Mund führt. Hygieia ist übrigens die griechische Göttin der Gesundheit bzw. der Heilkunst und gilt als Schutzpatronin der Apotheker - ihr Name ist bis heute in dem Wort "Hygiene" im kollektiven Sprachgedächtnis erhalten geblieben. In ihrer Schale soll sich angeblich, so eine weitere schalkhafte Anekdote des Emscherhauses, das schmutzige Wasser aus der 'Köttelbecke' befinden, weshalb die Hygieia (die ja traditionell auch für die Vorbeugung von Krankheiten zuständig ist) seit nunmehr gut 110 Jahren mit dem Trinken des Inhaltes zu hadern hat. Ob sich das ändern wird, wenn die Renaturierung der Emscher erfolgreich abgeschlossen und der gesamte Fluß abwasserfrei ist, kann uns wohl nur die Zeit zeigen..


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Quellen:


Emschergenossenschaft (Herausgeber), Ralf Peters (Autor):100 Jahre Wasserwirtschaft im Revier. Die Emschergenossenschaft 1899 - 1999. Verlag Peter Pomp (1999)


https://www.eglv.de/app/uploads/2019/02/Broschuere_Emscherhaus.pdf (10.02.2020)


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