• Miriam Witteborg

XIII. EMSCHERGESCHICHTE(N)...Oder: Von Wildpferden in Dorstfeld


Seit gut 4 Jahren wohne ich jetzt in Dortmund Dorstfeld. In einem ehemaligen besetzten Altbau-Haus - ganz oben unterm Dach mit einer kleinen Terrasse und einer wunderschönen Aussicht zwischen Baumwipfeln hindurch auf den sogenannten Emscherbruch. Naja, oder zumindest fast...wenn da die Lärmschutzmauer nicht wäre, welche unsere Häuser samt Garten vor den Geräuschen der der Dorstfelder Allee, einer doch recht stark befahrenen Straße, schützen soll. Aber diese Straße gab es nicht immer und der Garten soll einmal bis zur Emscher, welche sich keine 150 Meter von meiner Terasse entfernt durch ihr mittlerweile renaturiertes Bachbett schlängelt, gereicht haben.

An dieser Stelle ein kurzer thematischer Exkurs: Direkt auf der anderen Seite der Emscher befinden sich aktuell noch die arg in Mitleidenschaft gezogenen baulichen Überreste des insgesamt rund 52 Hektar großen Hoesch-Spundwand-Areals, welches sich von Dorstfeld über Huckarde bis nach Deusen zieht. Von meiner Terasse aus hat man einen herrlichen Blick auf die alten, halb verfallenen und mit Klinker verkleideten Hallen - wie beispielsweise auf das sogenannte "Emscher-Schlösschen" und auch auf die Feldherrnhalle, in welchen bis 2015 noch die letzten 350 Arbeiter ihren Dienst taten.

Das Gelände mit seinen gut 150 Jahren Schwerindustrie auf dem Buckel, strategisch günstig direkt am Rande zur Innenstadt gelegen, ist nun mittlerweile in den Besitz der Thelen-Gruppe von ThyssenKrupp übergegangen - diese will das Areal (mein Vater hat mir schon vor Jahren, wie er seit meiner Jugend tut, einen Zeitungsartikel zum Thema ausgeschnitten und mitgebracht) nach dem Rückbau der ehemaligen Industrieanlagen und der Entsorgung der Altlasten unter dem Projekt-Titel „Emscher Nordwärts“ völlig neu entwickeln. Das Projekt soll dann 2027 fertig gestellt sein und sich bei der Internationalen Gartenaustellung als Zukunftsarten beispielhaft präsentiert werden.

Es sollen in den nächsten Jahren auf dem Gelände hunderte von Wohnungen gebaut werden sowie der "Zukunfts-Campus" der FH Dortmund für bis zu 15.000 Studierende, dazu noch ein Berufskolleg, ein Technologie-Park für neue Industrie und zusätzlich Forschungsinstitute sowie Start-Ups. Zudem soll ein "urbanes Freizeitareal mit Grüngürtel" entstehen, innerhalb welchem auch die beiden zuvor genannten Hallen in restaurierter Form neu genutzt werden können.

Als Tüpfelchen auf dem i soll dann auch noch ein "Emscher-Bassin" (die, wie ich es nenne, kleine Schwester vom Phoenix-See) auf dem Gelände ausgehoben werden..und ich will ganz ehrlich sein: Ob ich mich darüber so freue, weiß ich noch nicht. Als Aplerbecker Kindel voller Vorfreude auf einen Badesee im nebenan liegenden Stadtteil Hörde groß geworden, war ich von dem nun existierenden Ergebnis (einem 'See der Verbote' - HIER habe ich dazu schon einmal eingehender berichtet) dann im Nachgang doch eher ziemlich enttäuscht. Aber hey, alles ist im Fluss. Immer. Auch die Emscher.. Und mit dieser etwas holperigen Überleitung möchte ich jetzt auch wieder auf das eigentliche Thema dieses Artikels zurück kommen. Denn:

Hier im Dorstfelder Emscherbruch lebten tatsächlich einmal wilde Pferde-Herden - und zwar schon lange bevor die Industrialisierung in das Ruhrgebiet einzog und es so maßgeblich prägte. Dabei hat es sich um Tiere der Gattung "Emscherbrücher Dickköppe" gehandelt - ein zauberhaft schöner Name, wie ich persönlich finde. Und manchmal stehe ich dann also auf meiner Terrasse und lasse vor meinem inneren Auge eine Zeitmaschine ablaufen. Dann blicke ich auf ein wildes und fast menschenleeres Tal, eine sich frei durch die Landschaft schlängelnde und völlig naturbelassene Emscher und höre das Schnauben der Rösser..

Mehr zur Historie der Pferde: Erstmal finden sie breits im Jahr 1369 in römischen Dokumenten urkundliche Erwähnung - wurden doch unter Kaiser Tiberius und seinem Feldherrn Germanicus zu dieser Zeit die ersten Truppen bis in das Ruhrgebiet und das Emschertal entsandt - und Pferde konnten als Transportmittel immer gut gebraucht werden. Die Herden der Emscherbrücher Dickköppe lebten in einem Verband von etwa 20 Tieren bzw. in einem Haarem aus Studen und Fohlen unter dem Schutze eines einzigen Hengstes und waren sogar noch bis in das 19. Jahrhundert hinein an den Fluren der Emscher (von Bottrop und Gelsenkirchen über Recklinghausen, Herten und Herne bis nach Castrop-Rauxel und Dortmund) beheimatet.


Die robusten Vierbeiner mit ihren kurzen Ohren und ihrem langem Schweif sollen ein Stockmaß von etwa 1,30 m und ein Gewicht von bis zu 300 kg erreicht haben. Die Dickköppe sollen, so heißt es in der ein oder anderen Überlieferung, auch als Grubenpferde im untertägigen Bergbau eingesetzt worden seien; vermutlich wurden sie jedoch vor allem jedoch für die Arbeit über Tage (beim Militär und  für die Zucht) verwendet. Dafür spricht, dass die ausdauernden und starken (und daher sehr begehrten) Pferde spätestens seit dem 15. Jahrhundert auf den Pferdemärkten der Region gewinnbringend verkauft wurden - wie beispielsweise auf dem traditionell am Laurentiustag (am 10. August) stattfindenden Markt in Crange, woran uns noch heute die jährliche Cranger-Kirmes in Herne erinnert.


Das Privileg zum Fang der Wildpferde stand seit dem Mittelalter übrigens den ortsansässien Adelsfamilien zu und die letzten Emscherbrücher Dickköppe wurden schließlich im Jahr 1840 auf Anweisung des Dülmener Herzogs Alfred von Croÿ (welcher als Pferdeliebhaber bekannt war) für seine Pferdewildbahn und weitere Zuchtvorhaben eingefangen. Aus dieser Zucht entstanden dann die "Dülmener Wildpferde", deren heutige 400 Nachkommen (welche eigentlich korrekterweise aufgrund der Zuchtmerkmale eher als 'Wildlinge' bezeichnet werden sollten) noch heute im Merfelder Bruch (auf einem ca. 360 Hektar großen Naturschutzgebiet im Münsterland) beheimatet sind und besucht werden können.


Und tatsächlich spielt die Emschergenossenschaft (welche ja auch den Weinanbau an der Emscher in Dortmund Hörde maßgeblich wiederbelebt hat - HIER im Blog kann man das noch einmal ausführlicher nachlesen) mit dem Gedanken, aus dem vorhandenem Genmaterial der Dülmener Wildlinge die Emscherbrücher Dickköppe durch Kreuzungen wieder zurück zu züchten (wie es zum Beispiel bereits im Berliner Zoo in den 1930er-Jahren mit dem ursprünglich 1627 ausgestorbenen Auerochsen gelungen ist) und so in die Region und zur Emscher zurück zu bringen.


Ob dann am Mini-Phoenixsee in den nächsten Jahrzehnten (bis zu 80 Jahre könnte dieses ambitionierte Rückzucht-Projekt übrigens dauern) wieder die Pferdeherden schnauben? ...ich werde das Ganze von meiner Terasse aus im Auge behalten und dann gegebenenfalls hier im Blog darüber berichten..


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Quellen:


https://www.archive.nrw.de/lav/abteilungen/westfalen/oeffnungszeiten_und_kontakt/index.php (07.07.2020)


https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/IQ7NA3BDZ2GV6AGWLDO3W3ATJQXZVSPF (20.04.2020)


https://www.dortmund.de/de/leben_in_dortmund/planen_bauen_wohnen/stadterneuerung/iga_2027/iga_2027_zukunftsgarten_dortmund/index.html (07.07.2020)


https://www.dortmund.de/de/leben_in_dortmund/planen_bauen_wohnen/stadterneuerung/iga_2027/iga_2027_startseite/index.html (07.07.2020)


https://www.herne.de/Stadt-und-Leben/Stadtgeschichte/Stadtarchiv/ (07.07.2020)


https://www.muensterland.com/tourismus/themen/erlebnis-region-muensterland/naturerlebnis/wildpferde-duelmen/ (01.05.2020)


https://www.nordstadtblogger.de/hoesch-spundwand-das-geplante-stadtquartier-soll-teil-eines-gruenguertels-vom-mooskamp-bis-dorstfeld-werden/ (19.04.2020)


http://viehweger.tv/presse/2008/04052008/04052008.html (01.05.2020)


https://www.waz.de/staedte/vest/die-dickkoeppe-sollen-wieder-wiehern-id10964449.html (01.05.2020)


https://wildpferde.de/index.php?id=3 (01.05.2020)


https://wildpferde.de/wildpferde/ (07.07.2020)