• Miriam Witteborg

XVI. ACHTUNG LEBENSGEFAHR - Oder: Wie meine "Tonne" in die Emscher plumpste..

Von meiner Aplerbecker Jugend und der Erwachsenwerdung in direkter Nähe zur Emscher (damals -in den 80er Jahren- noch eine offene Kloake und ziemlich müffelnde Angelegenheit) habe ich ja im Rahmen dieses Blogs bereits das ein oder andere Mal berichtet. Die Tatsache, dass ich mich als Schulkind (ich muss mich in der fünften, sechsten oder siebten Klasse befunden haben) an selbiger einmal selber in echte Gefahr gebracht habe, ist nun die Grundlage für die heutige Geschichte. Aber ich greife mal wieder vor.

Beginnen wir mit meiner Mutter: Mir ist es bis heute ein Rätsel, wie ich ihr mein Beinaheunglück sowie die über Wochen von meinem Schulrucksack (aufgrund seines nicht unbeachtlichen Gewichts an Schulbüchern und Heftenliebevoll auch "Tonne" genannt) ausgehenden miefigen Gerüchen verborgen geblieben seien konnten - hatte sie doch eine wirklich gute Nase; vor allem für Dinge, die man als Kind lieber für sich behalten wollte und die sie, wie wir Kinder sagten "nix angingen". Aber sicher war es auch besser so. Denn als gute Mutter war es ihr natürlich ein Anliegen, dass ihre Kinder (meine ältere Schwester und ich) möglichst gesund und glücklich heranwuchsen und so wurde uns der an oder andere Ort zum Spielen wohlweislich verboten. Dazu gehörte eben auch die Emscher. Weil: Gefährlich!


Es ist nicht so, dass sie kein Vertrauen in unsere Schwimmkünste hatte - aber einmal hineingefallen, wurden die steilen Betoneinfassungen (auch als Emschersohlschalen bekannt) und die daran anschließenden begrasten Deiche (die die umliegenden Häuser vor Hochwasser und Überschwemmungen schützen sollen) sogar dem ein oder anderen Erwachsenen zum Verhängnis - über die traurige Geschichte rund um den Autoren Michael Holzach, dem es in Dortmund Dorstfeld so erging, als er seinen in den Kanal gefallenen Hund retten wollte, habe ich an dieser Stelle bereits berichtet.

Zu den Zusammenhängen: Wir wohnten als vierköpfige Familie in der Ruinenstraße, in unserem organgenen Mietshaus für sechs Parteien, und die Emscher floss keine 50 Meter von unserem Balkon entfernt durch ihr kanalisiertes Bett. Je nach Wetter bzw. Regen handelte es sich um einen eher ruhig fließenden Kanal oder eben um ein reißendes brodelndes Gewässer. So oder so: Sie roch ganz ordentlich, wie eine offene Kloake nun eben einmal so riecht - wurden in ihr schließlich die Abwässer (und so ziemlich alles, was Mensch so in der Toilette hinunterspült) quer durch den Stadtteil und die Region geleitet. An den ruhigen Tagen war die 'Köttelbecke', wie sie sowohl umgangssprachlich als auch zu Recht auch genannt wurde, etwa einen Meter breit. Und da ich als Kind nicht völlig unsportlich war und auch den örtlichen Turnverein regelmäßig aufsuchte, war die Versuchung, mit Anlauf und einem beherzten Sprung das Kanalbett zu überspringen einigermaßen unwiderstehlich. Und mindestens ebenso verboten...

Die ersten Aplerbecker Jahre (mit sechs Jahren bezogen wir den Stadtteil) hielt ich mich daher noch an die klaren mütterlichen Ansagen. Als ich dann aber von der Aplerbecker Grundschule, von welcher ich im Rahmen eines Kindheitserinnerungen-Rückblicks an dieser Stelle auch schon einmal berichtet habe, auf das Aplerbecker Gymnasium an der Schweizer Allee wechselte, wurde die Emscher noch einmal reizvoller als zuvor für mich. Zwar war auch diese Schule maximal zehn Minuten Gehweg von meiner Haustür entfernt, wäre man jedoch zu Fuß am Kanal entlang geschlendert (welcher direkt hinter dem der Schule eigenen Basketballplatz verlief und einen in der Hälfte der Zeit nach Hause führte) konnte man sich nicht nur besagten Gehweg deutlich verkürzen, sondern auch den älteren (und in meinen Augen manchmal durchaus rüpeligen) Oberstuflern ausweichen und sogar noch (als Sahnehäubchen) ein kleines Abtenteuer erleben.

Denn: Was man nicht darf, ist per se IMMER reizvoll. Und so gewöhnte ich es mir regelmäßig an, anstatt den normalen Gehweg nach Hause zu nehmen, an der Emscher entlang zu schlendern, die damals (nicht wie heute, wo sie weitesgehend renaturiert ist und ein Fahrradweg direkt an selbiger entlangführt) noch völlig unzugänglich für die Anwohner war. Ich musste jedoch nur (für ein kletterwütiges Kind "ein Klacks" - wie mein Vater sagen würde) über einen brusthohen metallenen Zaun klettern, alle Hinweis- und Verbots-Schilder ignorieren (bis heute eher "ein Klacks" für mich) und schon war ich am oberen Hang des gräsernen Deichs angekommen.

Ein paar Monate waren mir dieser verbotene Heimweg Abenteuer genug. Irgendwann konnte ich jedoch der Versuchung nicht widerstehen und begann, ohne weiteres Nachdenken über den Kanal bzw. die Emscher zu springen. Manchmal sogar fröhlich im Zick Zack hin und her...konnte man sich an den schräg stehenden Sohlschalen aus Beton doch so wunderbar abstoßen. An einem Tag jedoch war entweder meine Tonne zu schwer oder auch mein Sprung zu ungeschickt; jedenfalls verlagerte sich mein Gewicht nach hinten und fast wäre ich rücklings ins Gewässer (die "braune Suppe" voller Klopapierreste, menschlicher Hinterlassenschaften und weiblicher Hygieneartikel) gefallen. Von diesem Zeitpunkt an, sicherte ich mich (meiner Ansicht nach einer sehr clevere Lösung) ab, indem ich mit Schwung zuallererst meine Tonne über die Emscher warf, bevor ich dann ohne das beschwerende Gepäck auf dem Rücken das Gewässer kreuzte.

Da jedoch der Deich an der einen wie auf der anderen Seite ziemlich steil abfiel, war es nur eine Frage der Zeit, bis meine Tonne nicht mehr liegenblieb, sondern den Gesetzen der Schwerkraft folgte, den Deich hinab und hinein in die Emscher kullerte. So war es auch an besagten Tag. Mit offenem Mund sah ich hinterher, wie meine Tonne samt Schulheften und Schulbüchern mit nicht unerheblichem Schwung von der Emscher davon getrieben wurde. Da ging mir, um es zu sagen wie es war, der Arsch so ziemlich auf Grundeis. Und zwar nicht wegen dem Inhalt meiner Tonne (so sehr liebte ich ihre Nutzung nun wirklich nicht) sondern wegen meiner Mutter - "Was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß" war die unhinterfragte Grundlage einer gesunden Kinder-Eltern-Beziehung in unserem Hause. Wenn wir aber Mist bauten, der öffentlich wurde, dann konnte es durchaus auch mal Ärger geben. Und über die teuren Schulbücher, über deren Finanzierung (von der Anerkennung der Notwendigkeit derselben einmal abgesehen) meine Eltern jedes Jahr aufs Neue entnervt stöhnten und die ich hier mit einem beherzten Schwupps zu zerstören dabei war, wäre sie ganz sicher nicht im Geringsten begeistert gewesen...

Denn: "Viel Kohle", wie man hier im Pott so schön sagt, hatten wir nicht - auch wenn es immer für alles Wichtige (wie eben Schulbücher - aber auch die sonntäglichen Ausflüge mit Papa, damit Mama auch mal ein wenig Abstand von uns hatte) gereicht hat.

In Panik lief ich daher also meiner Tonne hinterher und versuchte, sie zu überholen - um sie an einem der Schultergurte aus dem Wasser zu ziehen...jedoch erfolglos. Beim zweiten oder dritten Versuch wurde es dann auch noch einmal ziemlich gefährlich - denn mein Schwung so groß, dass ich beinahe erneut ins Wasser gefallen wäre - und hier kam ich dann doch zur Besinnung: Dass (m)ein Hineinfallen in die Emscher wohl als noch viel schlimmer angesehen werden würde, als wenn es nur meine Tonne gewesen wäre. Dass es hätte auch tödlich enden können, kam mir damals nicht so wirklich in den Sinn. Wohl auch deshalb ließ ich meine Tonne nicht aus den Augen und Sie als Leser:innen können sich möglicherweise meine Erleichterung vorstellen, als ich bemerkte, dass sie (beim Gymnasium wieder angekommen) bevor sie unter der Unterführung auf Höhe der Schweizer Allee in einem Kanalrohr verschwand, von dem Gitter, welches davor angebracht war, aufgehalten wurde. Nun musste ich mich nur noch breitbeinig über die Emscher stellen und meine müffelnde Beute aus dem Wasser ziehen.

Sie können sich meine Überraschung vorstellen, als ich dann merkte, dass die Tonne doch erstaunlich dicht gehalten hatte und meine Bücher und Hefte bis auf einen welligen Rand und leicht feuchte Seiten noch in einem einigermaßen passablen Zustand befanden...aber der Geruch... Glauben Sie mir, es war fürchterlich. Zu dieser Zeit hatte meine Mutter übrigens einen Job am Dortmunder Flughafen und mir war klar, dass mir nur noch ein paar wenige Stunden übrig blieben, um das Malheur zu vertuschen bevor sie Feierabend hatte.

So lief ich also in Windeseile nach Hause, breitete alle Bücher und Hefte auf unserem Balkon in der Sonne aus und begann, ein Buch nach dem anderen in unserem Bad trocken zu föhnen. Bevor meine Mutter nach Hause kam, gelang es mir, die mehrfach ausgewaschene und noch feuchte Tonne und die weitesgehend getrockneten Bücher, die den welligen Rand das gesamte Schuljahr über (ebenso wie den Geruch) nie ganz verloren, tief unter meinen Schreibtisch zu verstecken. Und was soll ich Ihnen sagen - mein Geheimnis wurde wirklich auch danach nicht mehr entdeckt.

Es ist mir, wie eingangs schon erwähnt, völlig rätselhaft - und als ich meiner Mutter dann kürzlich von diesem so lange geheim gehaltenen Abenteuer berichtete, konnte sie es garnicht glauben. Und wollte die Geschichte auch garnicht richtig hören. Und irgendwie verstehe ich das. Denn das, was hätte Schlimmes passieren können, ist einfach nichts, worüber (m)eine Mutter, auch gut 30 Jahre danach, würde lachen könnte. Da kann ich noch so oft beschwichtigend sagen: Is doch nix passiert, Mama...