• Miriam Witteborg

XVIII. AHOI...auf der Emscher

Irgendwann, vor Jahren, erzählte mir ein guter alter Bekannter von seinem Wunsch, die Emscher mit einem kleinen Boot von der Quelle bis zur Mündung zu befahren. Geil, dachte ich direkt - was eine Aktion..und vergaß es wieder.


Dann berichtete mir meine wunderbare Freundin Anka letztes Jahr, dass sie Kajakfahrer auf der Emscher gesichtet hat. Ich habe Anka um einen kurzen Bericht zu diesem doch eher ungewöhnlichen Ereignis gebeten, den ich hier mit euch teilen möchte:

Also....Das war das Wochenende des ersten Lockdowns im letzten Jahr. Wir starteten ne' Radtour zum Phönixsee - kurz vor dem See, in einem renaturiertem Arm von der Emscher, kam uns erst ein Kajakfahrer im gelben Kajak entgegen und ein paar Meter weiter ein zweiter im roten. Ein Bild, das uns ziemlich irritiert hat. Der Wasserfluss ist ziemlich bewachsen und eng an der Stelle. Wir haben uns gewundert, dass die da überhaupt her fahren können und ebenfalls, warum die beiden sich nicht ein schöneres Stück Gewässer und Natur für ihre Tour aussuchen?!?!?!

Natürlich waren die Sportler im Wasser Eyecatcher für alle Spaziergänger und Radfahrer. Phönixsee = sehen und gesehen werden. Anscheinend ein "place to be" für urbanen Wassersport. Ich wollte auch immer mal die Strecke in der Karte nachsehen, um zu schauen, wo die da so ankommen und herfahren....das hole ich gleich mal nach! Ansonsten war es ein verrückter Lockdown-Tag, an dem - gefühlt - die Hälfte der Einwohner Dortmunds um den See flanierte. Seitdem sind wir nicht nochmal hin..


Der Gedanke, dass die Emscher mit einem Kahn, Kanu, Kajak, Schlauchboot oder Floß, möglicherweise sogar einer Gondel oder eben einem hinreichend ähnlichen Wasserfahrzeug wie einer Luftmatratze befahren werden könnte, sollte oder wurde, hat mich seitdem umtrieben..

Und weil meine Gedanken im Rahmen dieses Blogs ja immer wieder um die Emscher kreisen und recherchieren mir Freude macht, habe ich mich auf die Suche begeben: Nach Dokumenten (älteren und neueren Ursprungs), die davon berichten, dass Menschen die Emscher "schiffbar" gemacht haben. Diese Ergebnisse möchte ich hier mit euch teilen - denn die Idee ist älter als gedacht:

Blicken wir zunächst in die Vergangenheit zurück: Bereits in meinem Artikel zur Gründung der Emschergenossenschaft hatte ich darüber berichtet, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erstmals über einen Ausbau bzw. eine Kanalisierung der Emscher diskutiert wurde - im Rahmen einer Nutzung des Gewässers als Transportweg.

So sollte die zunehmend regional abgebaute Steinkohle befördert und die Versorgung der anwachsenden Bevölkerung gewährleistet werden.

Das Vorhaben scheiterte jedoch nach mehrjährigen Verhandlungen an den veranschlagten Kosten in Höhe von 386.400 Talern - zu hoch für den preußischen Staat und König Friedrich II., welcher das Projekt am 23. August 1774 schließlich ablehnte. Hinzu kam die Tatsache, dass sich die Ruhrschifffahrt mit einer starken Lobby dahinter bereits früher etabliert hatte, kostengünstiger zu realisieren war und strategisch erfolgsversprechender zu seien schien.

Jedoch auch außerhalb einer wirtschaftlichen Nutzung kamen Menschen der Region auf die Idee, die Wässer der Emscher zu befahren. Und so kam es, dass Anfang des 20. Jahrhunderts anstatt schwerer Kohleschiffe malerische Kanus im Dortmunder Emscherwasser trieben. Auf der Homepage des Hombrucher Geschichtsvereins habe ich diese spannende Information und das wunderbare Zeitdokument - eine alte Postkarte - entdeckt: Der Mühlteich der Hoppmanns Mühle, im damaligen Feuchtgebiet der Emscher zwischen Hörde und Barop gelegen - oder genauer gesagt im Emschertal nahe dem Dorf Brünninghausen - wurde nämlich aus dem Wasser der Emscher gespeist und zum viel frequentierten Kanuteich umgestaltet. Der beliebte Ausflugsort mit diversen Lokalen, einem Tennisplatz sowie zeitweilen auch einer Tierschau des Dortmunder Zoovereins wurde jedoch leider durch die Bombadierungen des zweiten Weltkriegs derart stark beschädigt, dass er in den 1950er Jahren abgerissen werden musste.

Ein weiterer Grund für die Menschen, die rund um die Emscher herum gesiedelt haben, in ein Boot zu steigen war jedoch deutlich weniger erfreulich als das letztgenannte Beispiel:

Ich spreche hier von Überschwemmungen, die schließlich auch die Begradigung, Eindeichung und Kanalisierung der Emscher durch die Emschergenossenschaft nötig machten. 1908 wurde beispielsweise der Gelenkirchener Stadtteil 'Horst' von der Emscher überschwemmt, wie dieses Zeitdokument der AGG Gelsenkanal belegt.

Auch die Digit-Datenbank - ein Projekt des WDR - ist eine wunderbare Fundgrube, wenn man auf der Suche nach Bildmaterial und Zeitdokumenten ist. Beim Klicken durch die Galerie, welche einem nach der Schlagwortsuche 'Dortmund + Emscher' angezeigt wird, bin ich auf folgendes Bild gestossen: Bei einer Überschwemmung Dortmunds in den 1940er Jahren durch die Emscher wird eine Frau von Soldaten per Ruderboot aus dem überfluteteten Wohngebiet gerettet. Schade, dass keine weiteren Informationen zum genauen Standort und der Geschichte dahinter ausfindig zu machen waren..möglicherweise handelt es sich um die Überschwemmung am Oespeler Bach - einem Emscher-Seitenarm - im Jahr 1940, von der die Emschergenossenschaft in einer Broschüre berichtet.

Im Wattenscheider Bach - ebenfalls Teil des Flusssystems der Emscher - machte im Jahr 1954 wiederum eine Gruppe aus Kumpeln (Bergarbeiter im Tage- oder Untertagebau) und höheren Verwaltungsmitarbeitern eine Schlauchboot-Tour. Interessant finde ich an diesem Foto, dass die feinen Herren, die vermutlich eher der Leitungsebene zuzuordnen sind, sich von den Arbeitern, die bis zum Knie in der damals noch eher übelriechenden Brühe standen, durch die kanalisierte Rinne ziehen und schieben lassen. Da bleibt ja nur zu hoffen, dass hier eine ordentliche Sonderzulage gezahlt wurde...


Keine U-Boote, wie man im ersten Moment meinen könnte, sondern sogenannte Sauerstoff-Flöße sind hier auf der Emscher in Gelsenkirchen zu sehen. Nach Beschwerden der Anrainer äh Anemscheraner über den unerträglichen Gestank der Emscher - welcher sich aufgrund von Faulgasen im Jahre 2013 ausbreitete - wurde durch diese militärisch anmutenden Flöße zusätzlicher Sauerstoff in das Gewässer gepumpt, um so der Geruchsbelästigung - wenn auch lokal begrenzt - entgegen zu wirken.

Und um den Bogen zum Anfang dieses Artikel zu schließen, habe ich nach besagten Kajakfahrern recherchiert, die meine Freundin Anka 2020 am Phoenix-See in Hörde selbst gesehen hat. Scheinbar war sie nicht die Einzige: So wurden sie bei ihrem ungewöhnlichen Samstagsausflug auch im Dortmunder Stadtteil Schönau von Ilona Schnittker gesichtet und dokumentiert. Herrlich!


Und wenn wir nicht gerade Februar hätten - ich würde mir meinen schicken qietschgrünen Schwimmreifen schnappen und mich mitten ins besagte Gewässer werfen. Ernsthaft. Da es so aber nicht geht, werde ich es nachholen - vielleicht als krönender Abschluss dieses Blog-Projekts im Sommer 2021. Ich werde ganz sicher Bericht erstatten :)

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Quellen:


Anka aka Dr. B: Bericht über die Kajak-Sichtung am Phoenixsee (2020)


Emschergenossenschaft (Herausgeber), Ralf Peters et al (Autor): 100 Jahre Wasserwirtschaft im Revier. Die Emschergenossenschaft 1899 - 1999. Verlag Peter Pomp (1999)


Prof. Dr. Uli Paetzel, Dr. Emanuel Grün, Raimund Echterhoff (Herausgeber) Schwarz Blau Grün: 120 Jahre Emschergenossenschaft. Verlag Kettler (2020)


https://digit.wdr.de/entries/10300?index=6&q=eyJ7Yn0iOiJlbXNjaGVyIn0%253D&qt=search (08.01.2021)


https://www.gelsenkanal.de/Geschichte-1023394361.html (15.02.2021)


http://www.hombrucher-geschichtsverein.de/bruecke.htm (30.01.2021)


https://www.ruhrnachrichten.de/dortmund/kanufahrer-auf-der-emscher-plus-1504741.html (08.01.2021)


https://www.waz.de/staedte/essen/sauerstoff-zufuhr-soll-den-gestank-der-emscher-mindern-id8371461.html (01.02.2021)


https://www.waz.de/staedte/wattenscheid/wattenscheider-bach-fliesst-bald-wieder-ohne-sein-beton-bett-id228080193.html (01.02.2021)











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