• Miriam Witteborg

XV. ZU GAST...im Parkhotel - Oder: Übernachtung an der Emscher

Wenn man von einer Übernachtung im "Parkhotel" berichtet, haben Sie als Leser:innen im ersten Moment möglicherweise einen ländlich gelegenen Schloßpark vor Augen, in dessen Mitte sich ein schickes altes Jugendstilgebäude befindet - mit einer Lobby in gedämpften Farben wie braun und gold, einem Empfang mit livrierten Mitarbeiter und vielleicht sogar einer kleinen Bar, an welcher ein Pianist im Rollkragenpullover leise wohlklingende Töne anschlägt. Wenn man dann den Bericht um die Information ergänzt, dass das Hotel direkt an der Bottroper Emscher steht inmitten einer ehemaligen Kläranlage, dann mag das innere Bild möglicherweise bereits etwas irritiert sein; handelt es sich im ersten Moment doch um Szenarien, die nicht so recht zusammen passen wollen.

Und wenn man dann auch noch weiter präzisiert, dass sich besagtes Hotel in Kanalröhren aus Beton befindet (welche in unserer Region normalerweise unterirdisch verbaut werden um die Abwässer der Umgebung davon zu tranportieren) dann wird klar:

Hier handelt es sich um ein ganz besonderes Schlafgemach - noch genauer gesagt: Um Konzeptkunst.


"Deutschlands erstes Röhrenhotel" ist nämlich ein kurioses Highlight inmitten des Bottroper BerneParks, welcher wiederum ein Teil des Emscherradwegs ist (der einen vom Quellteich in Holzwickede bis zur Mündung in Dinslaken führt, wobei besagter BernePark zwischen dem Gasometer in Oberhausen und dem Nordsternpark in Gelsenkirchen gelegen ist) und somit gleichzeitig auch Teil des Generationenprojekt Emscher-Umbau.

Werfen wir zunächst einen kurzen Blick in die Historie des Standorts:

Im Jahr 1952 wurde die für damalige Begriffe hochmoderne Kläranlage Bernemündung im kleinen Bottroper Vorort Ebel, strategisch an der Mündung der Berne in die Emscher platziert, von der Emschergenossenschaft in Betrieb genommen - zwecks Reinigung der regionalen Abwässer der Emscher und ihrer Nebengewässer. Da es sich jedoch um ein vergleichsweise kleines Klärwerk mit begrenzter Grundstücksfläche inmitten eines Wohngebiets handelte, war es auf Dauer den Bedarfen der Abwasserbeseitigung nicht gewachsen und musste (da ein über die Jahrzehnte notwendig geworderner Umbau samt umfangreicher technischer Weiterentwicklungen standortbedingt nicht möglich war) im Jahr 1997 (dem Jahr der Inbetriebnahme des Neubaus Klärwerk Emscher im Bottroper Stadtteil Welheimer Mark) endgültig stillgelegt werden. Die für die Öffentlichkeit unzugängliche Kläranlage (bestehend aus einem Maschinenhaus, einem Betriebspavillon sowie zwei runden Klärbecken) geriet die darauffolgenden 13 Jahre weitesgehend in Vergessenheit.


Wie es nach dem "Dornröschenschlaf" der Kläranlage weiter ging?

Das Potential des industriellen Geländes, welches zudem 2008 unter Denkmalschutz gestellt wurde, wurde sinnigerweise von der Emschergenossenschaft erkannt und genutzt: Im Rahmen der EMSCHERKUNST.2010, dem größten Kunstprojekt im öffentlichen Raum zur Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010, wurde das ehemalige Klärwerk völlig neu erschlossen bzw. revitalisiert. International rennomierte Künstler entwarfen Konzepte, um das ehemalige Klärwerk zu einem für die Metropolbewohner nutzbaren Raum samt Industriedenkmal und öffentlich zugänglicher Kunst umzugestalten - so entstand der Bottroper BernePark.

Was genau gemacht wurde?

Die schottischen Landschaftskünstler Piet Oudolf und Eelco Hooftman entwickelten das gestalterische Konzept für die beiden jeweils 73 Meter großen stillgelegten Rundklärbecken der ehemaligen Anlage: Während das südostliche Becken zu einem klaren Frischwasser-See (samt Goldfischen) mit gräsernen Liegefächen rundherum umfunktioniert wurde und über die Räumerbrücke (eine Pontonbrücke, die einst um die Mittelinsel rotierte) zu begehen ist, wurde das zweite Becken trocken gelegt, terrassiert und zu einem versunkenen Garten umgestaltet samt radial um die Betoninsel in der Mitte verlaufender Wege. Sitzstufen aus Beton und Holz zwischen den gut 21.000 gepflanzten Stauden und Gräsern laden Besucher zum Verweilen ein - daher trägt die Installation meiner Ansicht nach auch durchaus zu Recht die Bezeichnung "Amphitheater der Pflanzen".

Zudem beleuchtet in der Dunkelheit eine LED-Installation des deutschen Lichtkünstlers Mischa Kuball das äußere Rund des Senkgartens und erinnert so (zumindest mich) an einen blauen pulsierenden Fluss, der rund um das neu geschaffene Grün seine Kreise zieht..eine Metapher auf die Renaturierung der Emscher, wenn man so will.

Im ehemaligen und mittlerweile sanierten Maschinenhaus des Klärwerks hat wiederum ein Restaurant Einzug gehalten. Hier sind Teile der alten Maschinenanlage als Ausstellungsstücke erhalten geblieben, zwischen denen man nun speisen kann - mit Blick auf das (auf dem Dach des ehemaligen Betriebspavillons aus den späten 50er-Jahren) dauerhaft installierte Kunstwerk „Catch as catch can“ des Amerikaners Lawrence Weiner (was übersetzt soviel bedeutet wie: "Nimm's halt eben so, wie's kommt.."), welches mit seiner Formensprache an die Produktwerbung oder auch Kinoreklame der 50er und 60er Jahre (und so an die Entstehungszeit der Kläranlage) anlehnt.

In einer weiteren Kooperation zwischen Emschergenossenschaft und den umliegenden Schulen und Kitas wurde dann im Jahr 2012 auch noch ein sogenannter Färbergarten angelegt, in welchem sich Jung wie Alt mit der Tradition der pflanzlichen Naturfarben-Herstellung auseinandersetzen und praktisch ausprobieren können - hierfür wurden beispielsweise Alant (für gelbe Töne), Schwertlilie (für die Farbe Blau), Schwarzdorn (zur Herstellung von Rot), schwarze Johannisbeere (für Violett) sowie Frauenmantel (für grüne Töne) angepflanzt.

Einen kleinen Spielplatz mit einer in den an das Klärbecken angrenzenden Hang eingebauten Rutsche gibt es übrigens auch noch.

Wenden wir uns nun aber wieder dem Röhren-Hotel-Projekt zu:

Der österreichische Künstler Andreas Strauss, welcher sich in seinem kreativen Schaffen thematisch mit der Zweckentfremdung städtischer Gegenstände sowie der Schaffung von Zwischenräumen innerhalb öffentlicher Räume auseinandersetzt, verwandelte im Jahr 2011 fünf bis dato ungenutzte Betonröhren (3 Meter lang und 2,4 Meter im Durchmesser) in kleine gemütliche Schlafeinheiten; oder wie der Künstler selbst es nennt: "Gastfreundschaftsgeräte" - mit ausreichend Platz für bis zu zwei Personen, genügend Stauraum (falls man etwa die gesamte 180 km lange Radwanderroute an der Emscher mit dem Fahrrad abfahren möchte und dementsprechend Gepäck dabei hat), individueller Gestaltung der Röhrenrückwand, ausreichend Bettzeug (wie Bettlaken, Wolldecken und Kissen), einer sanften Beleuchtung sowie einem Bullauge in der "Decke" (durch welches man Nachts, idealerweise zu Zweit, den Sternenhimmel beobachten kann).


Wie man denn nun in den Genuß einer Übernachtung im Abwasserrohr kommen kann, fragen Sie sich?

Nun, ich will es nicht für mich behalten. Buchen lässt sich dieses wirklich außergewöhnliche Domizil mitten im Bottroper BernePark in den Monaten Mai bis September unkompliziert über folgenden Link: https://live.freizeitplan.net/deu/fe/3teqnkudkvc5rj68/ressourcetype:6343

Hierbei wird einmalig eine Buchungsgebür in Höhe von 20,00 € fällig (egal ob man für eine Nacht bleibt, das Maximum von 3 Nächten ausreizt, alleine oder zu Zweit anreist), die nur per Paypal gezahlt werden kann - per SMS erhält man anschließend den Code für das elektronische schlüsselfreie Türschloss.

Zusätzlich besteht aber auch noch die Möglichkeit zu einer weiteren Spende vor Ort - hierfür liegt diskret ein Umschlag in der Röhre, welchen man beim "Auschecken" im anliegenden Restaurant Maschinenhaus abgeben kann; man gibt soviel man möchte (und einem die Kunstinstallation wert ist) - oder eben soviel man kann. Ein sehr moderner Ansatz, wie ich finde und laut dem Künstler auch ein Experiment mit dem Konsument.


So fällt mir an dieser Stelle (außer den geographische Koordinaten: 51°30'13.42"N, 6°56'43.09"E) nichts anderes mehr ein, außer allen Übernachtungsgästen des Parkhotels ein wunderbares Abenteuer und eine außergewöhnliche Auszeit zu wünschen!


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Quellen:


http://www.andreasstrauss.com/


https://www.bernepark.de/der-bernepark/faerbergarten/


https://www.bernepark.de/parkhotel/


https://www.beton-campus.de/2011/08/schlafen-im-betonrohr-campingplatz-feeling-im-alten-klaerwerk/


https://blog.eglv.de/uebernachten-im-kanalrohr/


https://www.bottrop.de/freizeit-tourismus/sehenswert/Bernepark.php


http://dasparkhotel.net/reservation/


http://dasparkhotel.net/faq/


https://www.eglv.de/emscher/bernpark/


https://www.emscherkunst.de/kunstwerk/lichtinstallation-catch-as-catch-can/


https://kulturkanal.ruhr/bernepark


https://www.ruhrgebiet-industriekultur.de/bernepark.html